„Was erlaube, Kuroda?!“

Titelbild: © ronniechua – stock.adobe.com

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Auch die Bank of Japan strafft die Zügel – ein bisschen

Meister der Überraschung

Während die Fed und die EZB regelmäßig keine Gelegenheit auslassen, die Märkte auf ihre nächsten geldpolitischen Maßnahmen einzustimmen, tickt der Chef der Bank of Japan (BoJ), Haruhiko Kuroda, anders: Sein Blatt spielt er erst aus, wenn – nach seiner Meinung – der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Damit ist den Märkten zwar die Möglichkeit genommen, sich im Vorfeld auf solche Aktionen einzustellen, allerdings beinhaltet diese Strategie auch ein disziplinierendes Element: Niemand sollte sich allzu sicher fühlen, ob der Bannstrahl der japanischen Notenbank die Märkte nicht doch noch „aus heiterem Himmel“ treffen wird. Mit der Sitzung am Dienstag war es wieder einmal so weit. Die BoJ weitete die tolerierbare Handelsspanne für zehnjährige Staatsanleihen von +-0,25% auf +-0,5% aus. Was symmetrisch aussieht, wurde allerdings als Zinserhöhung durch die Hintertür bewertet. Denn den nach unten erweiterten Bereich werden die japanischen Staatsanleihen wohl nicht ausloten, den nach oben erweiterten Teil dagegen schon. Damit sind die Japaner die letzten, die entgegen anderslautender Beteuerungen Abschied von ihrer ultralockeren Geldpolitik der letzten Jahre nehmen. Dies verursachte ein kleines Marktbeben. Insbesondere der Yen machte einen Sprung nach oben, aber auch Gold profitierte. Dass die Maßnahme überraschend kam, zeigt eine Bloomberg-Umfrage unter 47 Wirtschaftsexperten – nicht einer hatte eine Änderung der Politik erwartet; dies auch vor dem Hintergrund, dass Kurodas zweite Amtszeit im Frühjahr 2023 endet, und man ihm so kurz vor Schluss ein solches Signal nicht mehr zugetraut hatte.


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Amtliche Scheinglättung

Bei genauerer Betrachtung sind die Versuche von Fed und EZB zur Verstetigung von Marktreaktionen durch intensive Kommunikation im Vorfeld weniger erfolgreich, als es scheint. Denn dort finden die Reaktionen eben nicht erst mit der konkreten Maßnahme, sondern bereits mit deren Ankündigung statt. So sind inzwischen die Pressekonferenzen von Fed-Chef Powell wichtiger als die Bekanntgabe eines ohnehin erwarteten Zinsschritts. Dafür lieferte der vergangene Mittwoch einen weiteren Beleg: Die Märkte kamen erst in Bewegung, als Powell nach dem Zinsschritt um +0,5 Prozentpunkte auf den extrem angespannten Arbeitsmarkt und die hohe Kernrate der Inflation im Servicebereich hingewiesen hatte. Es scheint, als habe Powell hier ganz bewusst dramatisiert, um die Märkte vor falschen Hoffnungen auf ein baldiges Ende der straffen US-Geldpolitik zu warnen. Die Warnung verfehlte Ihre Wirkung jedenfalls nicht, denn schon in der Sitzung drehten die US-Indizes und rutschten am Folgetag deutlich ab.

Die Entdeckung der Inflation

An diesem Donnerstag goss dann EZB-Chefin Lagarde weiteres Öl ins Feuer. Nicht nur erhöhte sie den Leitzins, um die erwarteten 0,5 Prozentpunkte, sie kündigte auch einen „langen Kampf gegen die Inflation“ an – also gegen jene Inflation, die sie sich so lange geweigert hatte, auch nur wahrzunehmen. Sie wolle die Zinsen signifikant und in konstantem Tempo weiter erhöhen. Da war es wieder, das vielgepriesene Erwartungsmanagement, wobei wiederum die bloße Ankündigung genügte, um schlechte Stimmung an den Aktienmärkten zu verbreiten. Als sich Lagarde dann auch noch zu der Aussage verstieg, die Notenbank müsse mehr tun, als die Märkte derzeit erwarteten, gab es für den DAX kein Halten mehr. Ein Tagesverlust von mehr als 3% war die Quittung. Noch ist allerdings nicht ausgemacht, wie ernst es der EZB-Chefin mit ihren Ankündigungen tatsächlich ist. Gut möglich, dass diese nur Teil ihrer verbalen Inflationsbekämpfung sind, die allerdings deutlich schlechter funktioniert als die Taten der Fed. Sollte Lagarde jedoch ernst machen, würde sie einen Scherbenhaufen in der europäischen Wirtschaft und ein Auseinanderbrechen der Eurozone billigend in Kauf nehmen.

Bemerkenswerte Stärke

Insofern ist die aktuelle Stärke der Bankaktien bemerkenswert. Commerzbank (vgl. Abb., grüne Linie), Deutsche Bank (gelb), aber auch die Titel etlicher anderer Geldinstitute entwickelten zuletzt Relative Stärke gegenüber dem Gesamtmarkt. Als Erklärung wurde die Aussicht auf weiter steigende Zinssätze angeboten. Höhere Zinssätze ermöglichten insbesondere auch eine höhere Zinsspanne, was das traditionelle Bankgeschäft wieder profitabler mache. Schließlich war es die Nullzinspolitik, die die Ertragsseite in vielerlei Hinsicht dahinschmelzen ließ und die Banken auch in risikoreichere Geschäfte trieb. Nur leider lässt sich die Uhr nicht so leicht zurückdrehen, denn Zinserhöhungen sind angesichts exorbitanter Verschuldung ein zweischneidiges Schwert. Denn in den Bankbilanzen schlummern erhebliche Risiken durch Kredite an sogenannte Zombie-Unternehmen, also solche Unternehmen, die überhaupt nur dank Null- und Niedrigzinsen überleben konnten. Diese Kredite werden bei weiter anziehenden Zinsen zum Problem für die Banken mit erheblichem weiteren Abschreibungsbedarf. Eine Gefahr, vor der schon der ehemalige Degussa-Chef, Dr. Markus Krall, unermüdlich gewarnt hat, wird mit jedem weiteren Zinsschritt nach oben akuter.

Twitter-Musk und die „vernachlässigte“ Tesla

Der Niedergang einer Aktie wird derzeit mit lustvoller Häme kommentiert: Tesla ist im Abwärtstrend und das wiederum ist die Schuld des umtriebigen Bosses Elon Musk. Hätte sich der exzentrische Milliardär halt besser nicht Twitter als Spielzeug gekauft, und zugrunde gerichtet, wie es heißt, dann, ja dann stünde die Erfolgsgesichte der Tesla-Elektromobilität ganz anders da. In der Tat ist der Tesla-Kurs zuletzt deutlich gefallen – etwas, das Musk noch viel weniger gefallen dürfte als seinen Kritikern. Was diese Kritiker allerdings verschweigen: Die Tesla-Aktie (vgl. Chart, gelbe Linie in der Mitte) befindet sich mit ihrem Kursrückgang insgesamt in guter bzw. eigentlich schlechter Gesellschaft. Denn mit ihrem Kursrückgang liegt sie nur im Mittelfeld der in den USA notierten Elektromobilitätstitel. Wenn eine ganze Branche auf Jahressicht zwischen 25% und 80% an Marktkapitalisierung verliert, dann dürfte es sich also eher um ein Branchenthema handeln. Ein Problem aber, das eine der Lieblingsbranchen unserer Zeit betrifft, lässt sich halt noch schlechter verkaufen als ein angeblich durchgedrehter Milliardär.


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Was man Musk eigentlich vorwirft, ist die Aufhebung der Sperre prominenter Accounts wie die von Ex-US-Präsident Donald J. Trump (@realDonaldTrump – 87,8 Mio. Follower), mRNA-Miterfinder und Corona-Impfskeptiker Robert W. Malone (@RWMaloneMD – ca. 764k Follower) und eines der bekanntesten kritischen Kardiologen Peter A. McCullough (@P_McCulloughMD – ca. 700k Follower), um nur einige zu nennen. Daneben veröffentlicht er im Rahmen der „Twitter Files“ (#TwitterFiles) immer neue Belege dafür, wie auf der Plattform zensiert sowie Meinungsbild und Informationslage massiv manipuliert und den Bedürfnissen der Mächtigen angepasst wurden. Sogar das FBI soll Twitter demnach mehrere Mio. USD bezahlt haben, um die Story über Hunter Bidens Laptop im US-Präsidentschaftswahlkampf 2020 zu unterdrücken. Über die Twitter Files finden Sie selbstverständlich nichts im deutschen Gebührenfernsehen. Der EU, die gerade selbst von einem sich immer weiter ausdehnenden Korruptionsskandal um Vize-Parlamentspräsidentin Eva Kaili geschüttelt wird, geht so viel Offenheit zu weit. Elon Musk soll sich nun ausgerechnet dort verantworten.

Zum Jahreswechsel

Treten wir einen Schritt zurück und lassen das Jahr anhand von Währungen, Rohstoffen und Indizes Revue passieren, dann ist der Jahresgewinner bislang tatsächlich Gold (vgl. Abb., blaue Linie). Gegenüber dem US-Dollar ist es das einzige Anlagevehikel, das seit Januar überhaupt einen Zugewinn verbuchen konnte. Erster Verlierer ist bereits der Euro (rot) mit einem allerdings moderaten Minus von rund 6%. Bei den Aktien sieht es noch schlechter aus, wobei hier der altehrwürdige Dow Jones mit einem sprichwörtlichen Blauen Auge und -9,5% vergleichsweise glimpflich davonkam. Jahresverlierer unseres kleinen Quartetts – und daran wird sich aufgrund des großen Abstands bis zum Jahresende auch nichts mehr ändern – ist der NASDAQ 100 mit einem Minus von fast 33%. Dem über Jahre so erfolgsverwöhnten Zukunftsindex setzte die Zinswende im Jahr 2022 ganz erheblich zu.

Richten wir unseren Blick nach vorne, dann verfügen auch wir nicht über eine Glaskugel. Allerdings haben wir uns im neuen Smart Investor 1/2023 im Rahmen des „Kapitalmarktausblick 2023“ mit möglichen Szenarien beschäftigt. Und als besonderen Clou finden Sie dort die persönlichen Anlagefavoriten unserer Autoren. Viel hängt auch im kommenden Jahr an politischen Entscheidungen einzelner Institutionen. Für Europa ist die Frage „Krieg oder Frieden?“ weiter die bestimmende Einflussgröße. Ebenfalls politisch, und im Vorfeld kaum zu prognostizieren, sind die geldpolitischen Pfade der Notenbanken. Nach unserer Auffassung spricht viel dafür, dass der Druck einer möglichen Wirtschaftskrise letztlich wieder für Lockerungen spricht – hineinschauen kann man in die Köpfe der Notenbanker jedoch nicht. Mehr ein psychologisches Element ist der hundertste Jahrestag der Großen Inflation in Deutschland. Die Geldkatastrophe von 1923 wird im nächsten Jahr relativ präsent sein. Auch das könnte einen Einfluss auf den geldpolitischen Kurs haben.

Zu den Märkten

Mit der Lagarde-Rede hat sich die Situation bei deutschen Aktien erst einmal deutlich eingetrübt. Der Kursrückgang vom Donnerstag zerstört die Möglichkeit auf eine kurze Konsolidierung mit rascher Wiederaufnahme des vorangegangenen Aufwärtstrends. Vielmehr wurde die vermeintliche Konsolidierung nunmehr mit einem kräftigen, umsatzstarken Abschlag nach unten verlassen. Zwar sollte aus dieser Situation heraus eine Rückkehr an das Ausbruchsniveau (vgl. Abb., untere waagrechte Begrenzungslinie) möglich sein, sollte dieses aber nicht wieder nachhaltig überwunden werden können, wäre das sogar trendbestätigend für einen Abwärtstrend. Die Marke von 14.800 DAX-Punkten, die wir in den Vorwochen noch hoffnungsfroh angepeilt hatten, ist jedenfalls erst einmal wieder in die Ferne gerückt. Einzig positiv ist derzeit die ansteigende 200-Tage-Linie, die aktuell bei ca. 13.570 Punkten verläuft. Sollte auch diese Linie keine Unterstützung liefern, wäre die technische Situation des DAX deutlich verschlechtert.

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über unsere Transaktionen in den Musterdepots sowie über die Entwicklung in unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen. Um diesen Bereich lesen zu können, müssen Sie Abonnent des Smart Investor Magazins sein und sich auf der Smart-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues bei abo@smartinvestor.de an.

Fazit

Die Notenbanken bleiben auch zum Jahresende die bestimmenden Taktgeber der Märkte. Damit Ihnen über die Feiertage nicht langweilig wird, finden Sie im neuen Smart Investor 1/2023 zahlreiche Buchempfehlungen, die sich auch für den Gabentisch eigenen. Und auch wir haben noch zwei Präsente für unsere Newsletter-Abonnenten, die Ihnen Geschmack auf unser eigentliches Heft machen sollen: Die Beurteilung des ersten Jahres der Ampel-Koalition aus der Sicht eines Austrians und das Interview von Chefredakteur Ralf Flierl mit Politik-Urgestein Willy Wimmer zur Lage der Diplomatie. Beide Artikel stammen aus dem aktuellen Heft, zeigen, dass wir uns auch mit den Rahmenbedingungen des Börsengeschehens beschäftigen und können von den Abonnenten dieses Newsletters ausnahmsweise kostenlos im Volltext gelesen werden.

Für heute wünschen wir Ihnen ein Frohes Fest und einen Guten Rutsch nach 2023! Wir sehen uns dann auf der anderen Seite am 11. Januar 2023 wieder.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

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Die Charts wurden erstellt mit Guidants und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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