Neues Jahr, neues Ungemach?

Titelbild: © alswart – stock.adobe.com

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Ob und wie der Jahreswechsel die Situation an den Märkten verändert hat

Trendwechsel auf den Punkt

Eigentlich war dies fast schon ein Jahresauftakt nach Maß, zumindest wenn man den DAX betrachtet. Der nämlich erwies sich seit dem Jahreswechsel als überraschend stark (Abb., gelbe Linie). Dass sich Trends mit dem Jahreswechsel umkehren, ist häufiger zu beobachten. Ob die aktuelle Stärke nach einem ausgesprochen trüben Börsenjahr 2022 aber auch wegweisend für den weiteren Jahresverlauf sein wird, wie es der sogenannte „Januar-Effekt“ nahelegt, steht auf einem anderen Blatt. Was es mit diesem Phänomen auf sich hat, werden wir im kommenden Smart Investor 2/2023 eingehender untersuchen. Das Besondere an der aktuellen DAX-Stärke ist, dass sie selbst den führenden Blue-Chips-Index, den S&P 500 (blaue Linie) in den Schatten stellt. Vom NASDAQ 100 (grüne Linie) wollen wir da gar nicht erst reden. Die DAX-Stärke dürfte auch nicht, verzeihen Sie uns diesen Anflug von Sarkasmus, an der „hervorragenden“ Verfassung der deutschen Volkswirtschaft liegen. Von dieser war – und ist bis heute – noch nicht einmal klar, ob sie den Winter ohne Brown- oder gar Black-Out überstehen wird. Allerdings genügten schon die milden Wintertage um Silvester, um den Markt von einer seiner größeren Sorgen zu befreien, was wohl ebenfalls für Rückenwind gesorgt haben dürfte.

Wachstumstitel weiter mit Zinsproblem

Die wesentliche Ursache für die unterschiedliche Entwicklung dürfte weiter in Zins- und Bewertungsthemen liegen. Die US-Börsen sind deutlich technologielastiger und wachstumsorientierter. Das gilt für den S&P 500 und erst recht für den reinrassigen Wachstumsindex NASDAQ 100. In der zurückliegenden Phase zunächst fallender und dann extrem niedriger Zinsen war dies ein Vorteil. Das „Verschwinden“ des Zinses wirkte als Turbo, denn bei Zinsniveaus um Null ist es bewertungstechnisch fast egal, ob die Gewinne eines Unternehmens schon heute oder erst in ferner Zukunft anfallen. Unter dem Eindruck der anhaltenden Zinserhöhungspolitik, die in den USA auch noch wesentlich drastischer ausfiel als in der Eurozone, müssen künftige Gewinne wieder ordentlich abgezinst werden, was im Gegenzug zu einiger Luft in den Bewertungen der Wachstumsunternehmen führt. Diese Luft wird noch immer abgelassen, was eine wesentliche Erklärung für die Schwäche insbesondere des NASDAQ 100 sein dürfte. Ob das Eigenleben deutscher Aktien, vor allem gegenüber vergleichbaren US-Titeln, allerdings nachhaltig sein wird, muss nach der historischen Erfahrung bezweifelt werden.

Zum Golde drängt jetzt alles!

Ein Trend, der zum Jahreswechsel einfach durchlief, war der Anstieg der Edelmetalle. Immer mehr Marktteilnehmer scheinen Gold und Silber in der aktuellen Gemengelage als die sprichwörtlichen sicheren Häfen aufzusuchen. Zu groß sind aktuell die Unsicherheiten hinsichtlich der weiteren Entwicklung bei Inflation, Wirtschaftswachstum, aber auch hinsichtlich geopolitischer Fragen wie Krieg und Frieden. Wie es an der US-Inflationsfront weitergegangen ist, erfahren wir schon am Donnerstag mit der Veröffentlichung der Verbraucherpreise für den Monat Dezember. Ungewöhnlich ist im Moment eigentlich nur, dass selbst im Mainstream immer wieder die Anlage in Gold thematisiert wird – und das auch noch mit positivem Grundton. Zwar dürfte Gold damit noch kein „overcrowded Trade“ sein – also ein solcher, in dem bereits das Gros der Marktteilnehmer sitzt und nur noch darauf wartet, dass der Zug Fahrt aufnimmt –, kurzfristig übergekauft ist der Kurs aber dennoch. Ein kleinerer Rücksetzer wäre also durchaus möglich, verlassen sollte man sich darauf aber nicht. Denn zum einen dürften viele auf einen solchen Rücksetzer warten, um mehr ihrer ungeliebten und inflationsgeplagten Euros und US-Dollars in Werthaltiges zu tauschen; zum anderen fangen große Trendbewegungen häufig mit länger anhaltenden übergekauften Zuständen an.

Tonnenweise Unruhe

Für Unruhe und einen weiteren Schub am Goldmarkt sorgte die Nachricht, dass die chinesische Zentralbank weitere 30 Tonnen Gold erworben habe. Das ist der zweite Monat in Folge, in dem die Chinesen in dieser Größenordnung auf der Kaufseite zuschlagen. Angesicht der Dimensionen der chinesischen Volkswirtschaft sind das zwar keine exorbitant hohen Zahlen, aber die Signalwirkung ist doch erheblich. Ein zusätzliches Signal ging vom weiteren Abbau der chinesischen Position in US-Staatsanleihen aus. Und beide Signale dürften durchaus auch beabsichtigt sein. Denn zumindest hinsichtlich der Goldkäufe gilt in China schon lange, dass nur gemeldet wird, was auch eine Nachricht werden soll. Bei den US-Staatsanleihen kann man im US-Finanzministerium immerhin auch die Gegenseite der Gleichung einsehen und ahnt, welches Spiel in Peking gespielt wird.

Rätselhafter Hintergrund

Während man unter einer rein wirtschaftlich motivierten Interpretation in den chinesischen Umschichtungen einfach eine Fluchtbewegung aus dem zuletzt stark inflationierten Dollar in den sicheren Goldhafen sehen wird, steuert der bekannte US-Zyklenanalyst Martin Armstrong („The Forecaster“) eine weitere Dimension zur Erläuterung bei: Vor dem Hintergrund des von ihm identifizierten Kriegszyklus könnte es sich um gezielte Kriegsvorbereitungen der Chinesen handeln. Wir lassen hier einmal dahingestellt, ob es dabei um einen möglichen Angriff auf Taiwan geht, oder ob China „nur“ Vorkehrungen für den Fall einer Ausweitung des Ukrainekriegs trifft. Eines ist jedenfalls jetzt schon klar: Unter all den dummen Sanktionen, mit denen der Westen vermeintlich Russland treffen wollte, sich aber vor allem selbst traf, dürfte das Einfrieren der russischen Auslandsguthaben eine der dümmsten gewesen sein. Denn auch China, das praktisch der natürliche Herausforderer der USA ist, wird genau beobachtet haben, wie die USA und die von ihr abhängigen Verbündeten, im Konfliktfall mit den ihnen anvertrauten Vermögenswerten umspringen. Die US-Staatsanleihen in chinesischer Hand wären dann erst einmal keinen Pfifferling mehr wert, ganz im Gegensatz zu physischem Gold, das man im eigenen Land hält. Ob China tatsächlich ernsthafte Kriegsvorbereitungen trifft, oder über die symbolträchtigen Umschichtungen vor allem eine Botschaft senden sollen, etwa, dass man sich ganz grundsätzlich für künftige Konflikte wappnet, ist im Moment allerdings noch offen.

Agrob-Update

In Smart Investor 10/2022 haben wir uns im Rahmen unserer Titelstory zu Immobilienaktien auch intensiver mit den Titeln von Agrob beschäftigt. Leser fragten uns nun, wie es bei der Aktie weitergeht, weshalb wir hier den Sachstand zusammenfassen: Auf der außerordentlichen Hauptversammlung am 30. August 2022 wurde ein Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrags (BuG) mit der Zweckgesellschaft RFR InvestCo 1 GmbH der beiden Käufer, den New Yorker Immobilientycoons Aby Rosen und Michael Fuchs, abgeschlossen. RFR bietet eine Abfindung von 40,12 EUR je Stammaktie und 39,22 EUR je Vorzugsaktie. Alternativ erhalten Aktionäre eine jährliche Ausgleichszahlung von brutto 1,47 EUR (Stammaktie) und 1,53 EUR (Vorzugsaktie). Solange ein Spruchverfahren gegen die Abfindungszahlung anhängig ist, wird Aktionären auch nach Ablauf der offiziellen Frist die Abfindung ermöglicht. Es gibt also keinen Zeitdruck bei der Annahme. Da der Börsenkurs beider Aktiengattungen über dem Abfindungspreis notiert, bietet sich im Fall eines Verkaufs eher der Verkauf über die Börse an. Alternativ können Aktionäre den Titel im Depot behalten und zukünftig eine garantierte Dividendenrendite von ca. 3,5% p.a. realisieren. Ob es im Vergleich zum garantierten Abfindungsbetrag noch weiteres Upside-Potential in der Aktie gibt, ist jedoch fraglich. Rosen und Fuchs haben das Unternehmen nahe dem Höhepunkt des Immobilienbooms übernommen. Der geplante Neubau von Agrob dürfte zu heutigen Baukosten deutlich teurer werden. Der NAV könnte somit zukünftig marktbedingt durchaus rückläufig sein

Volatil und unsicher

Generell sollte berücksichtigt werden, dass Immobilienaktien sich bislang keineswegs als der sichere Hafen erwiesen haben, als der sie von manch einem angesehen wurden. Insbesondere der Zinsanstieg erwies sich hier als Gift für jene Geschäftsmodelle, die – wie in der Immobilienbranche üblich – mit einem hohen Fremdkapitalhebel arbeiten. Dieser musste noch nicht einmal ausgereizt werden, um einen regelrechten Absturz der entsprechenden Aktien bei einem Zinsanstieg auszulösen – ganz besonders, wenn es sich um einen Zinsanstieg wie den des Jahres 2022 handelt, in dessen Verlauf sich die Hypothekenzinsen in der Spitze rund vervierfacht hatten. Zur Illustration mag der Smart-Investor-Artikel „Der Vonovia-Index“ vom Oktober 2022 dienen, in dem den Ursachen des beispiellosen Kurssturzes dieses deutschen Immobilien-Blue-Chips nachgespürt wird. Allerdings zeigte der Titel zuletzt den Versuch einer Bodenbildung, die bei nachlassendem Zinsdruck auch gelingen könnte.

Zu den Märkten

Während der dreiwöchigen Newsletter-Pause hat sich auch das Bild des DAX deutlich verändert. Stand der Markt kurz vor Weihnachten noch unter dem Eindruck der Lagarde-Rede, so hat sich das Bild seither kontinuierlich aufgehellt. Das ist vor allem den ersten Handelstagen des neuen Jahres geschuldet, die sich als ausgesprochen stark erwiesen haben. Inzwischen konnte sogar die wichtige Marke bei 14.800 Punkten überwunden werden. Das ist zwar noch nicht nachhaltig, aber in der aktuellen Bewegung reicht es damit für ein neues, höheres Hoch, was den Aufwärtstrend ebenfalls bestätigt. Zuletzt sorgten zudem nachlassende Inflationsbefürchtungen für Rückenwind, da auf diese Weise auch der Druck auf die Notenbanken zu weiteren Zinserhöhungen nachlassen würde. Der einzig nennenswerte Wermutstropfen besteht im Moment darin, dass die Umsatzentwicklung noch nicht dem entspricht, was man in einer starken Aufwärtsbewegung erwarten sollte. Hier ist allerdings zu berücksichtigen, dass in der ersten Handelswoche aufgrund der Ferienzeit an den Börsen eher mit gebremstem Schaum agiert wird.

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über unsere Transaktionen in den Musterdepots sowie über die Entwicklung in unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen. Um diesen Bereich lesen zu können, müssen Sie Abonnent des Smart Investor Magazins sein und sich auf der Smart-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues bei abo@smartinvestor.de an.

Fazit

Der Jahreswechsel verlief weniger holprig, als man dies befürchten konnte. Insbesondere der DAX zeigte sich außerordentlich freundlich. Erinnern dürfen wir in diesem Zusammenhang an unser Cover des aktuellen Smart Investor 1/2023. Hier ist der Jahresanfang durch den Bullen geprägt. Erst im weiteren Jahresverlauf wird nach unserer Einschätzung erneut der Bär übernehmen. Für heute wünschen wir unseren Lesern aber vor allem ein frohes neues Jahr!

Ralf Flierl, Ralph Malisch

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Die Charts wurden erstellt mit Guidants und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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