Charttechnik: Kurse weisen den Weg!?

Siegeszug der Charts
Selbst Anhänger anderer Analyserichtungen lehnen einen mehr oder weniger verstohlenen Blick auf Charts nicht mehr grundsätzlich ab. Für einen Gutteil der privaten Marktteilnehmer sind Chart- bzw. Technische Analyse schon aus arbeitsökonomischen Gründen das Mittel der Wahl. Mit der Verbreitung ebenso preiswerter wie leistungsfähiger Hard- und Software schwappte die Do-It-Yourself-Welle von den Baumärkten an die Wertpapierbörsen. Das Internet mit der allzeitigen Verfügbarkeit von Kursdaten und der Möglichkeit des einfachen Onlinehandels tat ein Übriges, um diese Entwicklung voranzutreiben. Was also lag näher, als es auf eigene Faust zu versuchen? Es war primär die Verfügbarkeit der Mittel, die diesen Boom auslöste und praktisch jeden, der einen PC bedienen konnte, zu einer zumindest „gefühlten“ Analyse befähigte. Dass der einzelne Anleger mit dem Einzug der Technik (erfolg-)reicher geworden wäre, darf bezweifelt werden. Als Gruppe ist das ohnehin nicht möglich.

Goldgräber trifft Schaufelverkäufer
Daneben gibt es unter den Anwendern einen ausgeprägten Glauben an die Machbarkeit, der selbst durch gegenteilige eigene Erfahrung kaum zu erschüttern ist: In der Folge hat sich eine ansehnliche Industrie etabliert, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das ehrenwerte Streben nach schnellem und mühelosem Reichtum tatkräftig zu unterstützen. Schon der legendäre Trader und Buchautor Nicolas Darvas wusste, dass im Beratungsgeschäft derjenige erfolgreich ist, der den Leuten sagt, was sie hören wollen – was nicht notwendiger Weise die Wahrheit sein muss. Auch der hoffnungsfrohe Goldgräber mochte sich dereinst bei seinem Schaufelverkäufer vielleicht nach den Vorzügen der neuesten Ausrüstung erkundigen. Ein ernsthaftes Interesse, die Chancen für einen Fund realistisch einzuschätzen, dürften dagegen beide(!) eher nicht gehabt haben. Während der eine glauben wollte, wollte der andere verkaufen – eine perfekte Symbiose. Darvas bekanntester Titel („How I Made $ 2,000,000 in the Stock Market“) wurde übrigens … richtig … ein Allzeit-Bestseller! Was Darvas jedoch vom Heer der Ratgeber unterschied: Er verdiente am Markt selbst wiederholt nennenswert Geld.

Die drei „Fundamente“
Ziehen wir die sinnstiftenden Standardwerke der Zunft, „Technical Analysis of Stock Trends“ von Robert D. Edwards/John Magee (mittlerweile 9. Auflage/deutsch zuletzt 1991: „Technische Analyse von Aktientrends), nicht ohne hintergründigen Humor als „Bibel der Technischen Analyse“ bezeichnet, oder „Technical Analysis of the Financial Markets“ von John J. Murphy (deutsch: „Technische Analyse der Finanzmärkte“) zu Rate (vgl. „Literaturempfehlungen“), dann soll die Disziplin auf drei Fundamenten ruhen:
1. Der Markt diskontiert alles.
2. Kurse bewegen sich in Trends.
3. Geschichte wiederholt sich.

Auch das stets aktuelle „Volkslexikon“ http://en.wikipedia.org bestätigt das unter dem Stichwort „Technical Analysis“ noch heute, wobei Fundament 3 dort inzwischen abgemildert wurde: Geschichte neige dazu, sich zu wiederholen. Wir kommen darauf zurück. Halten wir zunächst fest, dass alle drei Fundamente klassische Postulate sind, die auch ohne Beweis Gültigkeit beanspruchen (wollen). Tatsächlich ist die Beweislage dünn: Fundament 1 etwa, laut Murphy der Eckstein der ganzen Disziplin, wird damit „begründet“, dass Technische Analysten das glauben („believe“). Nun wollen wir den Glauben nicht gering schätzen, hält er doch seit vielen Jahrtausenden einige der stärksten Gemeinschaften zusammen. Für eine Anlagephilosophie ist er als Fundament aber schon allein deshalb problematisch, weil die Gläubigen hier die Früchte regelmäßig bereits im Diesseits erwarten.
Das gravierende Problem ergibt sich jedoch aus dem Zusammenspiel mit Fundament 2, ohne das laut Edwards/Magee alles andere nur von geringer Bedeutung wäre: Wie kann es eigentlich zu Trends kommen, wenn doch bereits alles(!) diskontiert ist?! Spätestens seit Einführung der Ad-hoc-Lotterie, pardon, Ad-hoc-Publizität, hat man eine ziemlich gute Vorstellung davon, wie es aussieht, wenn Informationen nahezu schlagartig diskontiert werden. Nun gibt es den Versuch, Fundament 1 durch die sogenannte „Informationsdiffusion“, also das verzögerte Einsickern von Information in den Markt, zu retten. Das bedeutet aber, dass eben gerade nicht alles diskontiert ist, weil es erst diskontiert wird. Fundament 1 könnte dann etwa so lauten: „Der Markt diskontiert alles, irgendwann.“