Löcher in der Matrix – „Gaucho-Gate“

Gaucho„Verehrte Gutmenschen, Wutbürger, Weltverbesserer, Moralapostel, Miesepeter, Dauer-Nörgler, Sittenwächter, Zeigefingerschwinger und Politisch Überkorrekte – Dann geht doch zum Schach!“ (B.Z., 17.7.2014)

Eine komplette Titelseite widmete die B.Z. – Teil des Springer-Mainstreams – dieser Überschrift. Da war offenbar jemandem der Hut hoch gegangen. Ansonsten schwimmt man bei Springer ja nicht nur unauffällig im Biotop der selbstgerechten Zeigefingerschwinger und politisch Überkorrekten mit, sondern inszeniert auch gerne manche Kampagne selbst. Man möchte das berühmte Zitat Niemöllers abwandeln: „Als die Gutmenschen die Schokoladenhersteller und Wirtshäuser aufs Korn nahmen, schwieg ich, denn ich aß keine „Schokoschaumküsse“ und bestellte brav mein „Schnitzel Balkanart“. Als die Zeigefingerschwinger gegen Euro-Kritiker wetterten, schwieg ich, denn ich wollte nicht gegen „unser Europa“ sein, usw.“ Aber jetzt, wo sie „unsere Jungs“ angreifen, reicht es!

Auslöser war ein harmloses Tänzchen einiger Spieler der National-Elf im Rahmen der Berliner Siegesfeier, das flugs zur Staatsaffäre hochgeschrieben wurde – „Gaucho-Gate“. Besonders plusterte sich die FAZ im Rahmen einer TV-Kritik der Berliner Live-Übertragung auf. Politisch korrekt mäkelte der Autor bereits am Veranstaltungsort Berlin herum („an diesem Ort … in unmittelbarer Nähe zu jenen Denkmälern, wo an Triumphe und Katastrophen der deutschen Geschichte erinnert wird“). Ja, hätte man denn in der Uckermark feiern sollen?! In der Unterüberschrift war von einem „gigantischen Eigentor“ die Rede – „gi-gan-tisch“, also noch viel größer als groß. Das „Image der weltoffenen, toleranten Nation“ sei verspielt worden. Das alles wegen eines harmlosen Tänzchens einiger überschwänglicher junger Männer, die gerade eine Weltmeisterschaft gewonnen hatten. Einfach lachhaft! Der FAZ-Beitrag sagt viel weniger über das Verhalten der Spieler aus, als über die alte Tante FAZ, die erkennbar nach Sinn und Lesern sucht. Um dezidiert konservativ zu sein, fehlt es offenbar an Rückgrat. Die Anbiederung an den Zeitgeist der Politkorrekten gerät dagegen zur Posse.

Umso bemerkenswerter war der überfällige Angriff der B.Z. auf die selbsternannten Sprach- und Moralapostel. Es ist schlicht ein Unding, dass sich die mündigen Bürger dieses Landes, erwachsene Menschen(!), von einer kleinen, ideologisierten Minderheit ohne jegliche Legitimation vorschreiben lassen sollen, wie sie zu sprechen, zu denken, zu leben und neuerdings auch zu feiern hätten. Den überwiegend spaßbefreiten Tugendwächtern fällt ja noch nicht einmal auf, dass Formulierungen wie „Darf man das noch sagen?“, von immer mehr Menschen rein ironisch-scherzhaft verwendet werden. In einer Hinsicht geht die B.Z. allerdings fehl: Beim Schach, wo heute wesentlich mehr kluge Köpfe vermutet werden können als hinter der FAZ, hat man auf Zeigefingerschwinger und politisch überkorrekte Moralapostel ganz bestimmt nicht gewartet.

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