Löcher in der Matrix – „Monday Morning Coach“ als Präsident?

RTEmagicC_Matrix_mit_Loch„Ich wäre nicht im Irak einmarschiert” (bild.de, 15.5.2015)

Ein guter Politiker ist einer, der sich die Dinge passend machen kann. Im anstehenden US-Wahlkampf hat Jeb Bush seinen Hut in den Ring geworfen und versucht sich nun zu jener Kunstfigur zu stilisieren, die die Wähler gerne sehen wollen. Der Sohn des 41. Präsidenten George und Bruder des 43. Präsidenten George W. würde nun gerne zum 45. Präsidenten der USA werden. In Anlehnung an den Slogan eines Süßwarenherstellers käme dann aus jedem zweiten Ei ein Bush.

Der Nachname Bush ist allerdings Segen und Fluch zugleich. Auf der einen Seite signalisiert er, dass die Fähigkeit zum höchsten politischen Amt sozusagen in der Familie liegt. Auf der anderen Seite entpuppte sich aber bereits sein Vater nicht gerade als großer Präsident. Bei seinem Bruder zog man diese Möglichkeit von Anfang an schon gar nicht erst in Betracht und wurde – zumindest in dieser Hinsicht – nicht enttäuscht. Offenbar leidet die Qualität, wenn eine Familie Präsidenten „am laufenden Band“ produziert.

Für den kleinen Bruder Jeb ist also mit der Familientradition ein vielfacher Spagat vorgezeichnet. Ja, ein Bush ist er schon, kann also Präsident, aber nein, ein George W. ist er nicht. Hinsichtlich des zweiten Irakkriegs legte sich Jeb nun fest: „Ich wäre nicht im Irak einmarschiert”, lässt er seine Zuhörer beim Wahlkampfauftakt in Tempe (Arizona) wissen. Und der Spagat geht weiter: „Er forderte, die USA müssten sich wieder stärker im Irak engagieren“ – wir vermuten „humanitär“, denn einmarschiert wäre Jeb ja nicht – zumindest damals nicht. Gleichzeitig aber „stehe [er] loyal“ zu seinem Bruder – zumindest ein bisschen, denn Nachtreten dürfte bei den Wählern nicht sonderlich gut ankommen.

Allerdings kann man Bush nicht ernsthaft zustimmen, wenn er feststellt: „Natürlich kommen jetzt all diese hypothetischen Fragen“. Nein diese Fragen richtete die interessierte Öffentlichkeit schon sehr lange an ihn, aber erst mit wachsendem zeitlichem Abstand schälte sich die richtige Antwort in aller Deutlichkeit heraus. Je später sich Bush also festlegt, desto zutreffender fällt seine Einschätzung aus – zutreffend aber bedeutungslos. Der wesentliche Aspekt ist nämlich nicht, dass die Frage hypothetisch ist. Oft müssen sich Politiker mit verschiedenen Szenarien, also Hypothesen befassen. Der wesentliche Aspekt ist, dass Jeb Bush rückblickend entscheidet: „Was hätte ich getan, wenn ich das rückblickend betrachte.“ Diese Frage ist nicht hypothetisch, sondern irrelevant. Ein US-Präsident trifft nämlich keine rückblickenden Entscheidungen. Damit reiht sich Bush in die Reihe jener nachträglichen Besserwisser ein, die in den USA zutreffend als „Monday Morning Coaches“ bezeichnet werden. Wesentlich mehr Klasse hätte es da gehabt, wenn Bush einfach darauf verwiesen hätte, dass man die Frage aus heutiger Sicht nicht mehr beantworten kann, weil wir ja hinterher alle schlauer sind.

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