Grafik der Woche – Mangelnde Kompetenz bremst Frankreich aus

Ergebnisse der OECD-PIACC-Studie zeigen Frankreichs Dilemma

  

Quellen: OECD, Natixis

Eines muss man den Franzosen lassen: Mumm in den Knochen haben sie. Denn wenn ihnen etwas nicht passt, sind sie bereit, dafür auf die Straße zu gehen und ihre Rechte einzufordern. Die Deutschen dagegen, bei denen der Frust-Level derzeit ebenfalls erhöht ist, klagen zwar auch, tun dies aber bevorzugt anonym in irgendwelchen Online-Foren.

Ihre Streit- und Streikbereitschaft demonstrieren die Franzosen auch aktuell wieder. Die Bewegung der so genannten „Gelbwesten“ tritt zwar nicht mit einer Stimme auf und es gibt auch viele verschiedene Forderungen. Wenn der Autor das richtig interpretiert, dann geht es aber letztlich um mehr soziale Gerechtigkeit und um weniger finanzielle Ungleichheit. Der französische Präsident Emmanuel Macron reagierte auf die Proteste inzwischen mit neuen Sozialmaßnahmen im Volumen von bis zu 10 Mrd. EUR. Die vielfach zu spürende Unzufriedenheit wird sich alleine damit aber mit ziemlicher Sicherheit nicht abbauen lassen.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang aber etwas ganz anderes: Wer Frankreich wirklich nach vorne bringen will, der darf vor einer unbequemen Wahrheit nicht die Augen verschließen, sondern muss darüber auch ganz offen reden. Gemeint ist damit die oftmals fehlende Qualifikation potenzieller Arbeitnehmer.

Um was es hierbei geht, machen die Ergebnisse der OECD-Studie zur Untersuchung des Kompetenzniveaus Erwachsener (Programme for the International Assessment of Adult Competencies, PIAAC) deutlich. Denn da belegt Frankreich nur den 21. Platz unter 28 Staaten. Dieses Ergebnis ist auch deshalb eine schwere Bürde, weil es kurzfristig keine Lösungen gibt, sondern nur langfristige angelegte Reformen Besserung versprechen.

Im Klaren sein muss man sich auch der damit einhergehenden Zusammenhänge, auf welche die Analysten bei Natixis hinweisen. Demnach zeigt ein Vergleich der OECD-Länder, dass eine niedrige Qualifikation der heimischen Arbeitskräfte typischerweise mit folgenden Rahmendaten verbunden sind.

– geringe Effizienz des Bildungssystems

– geringe Modernisierungsbereitschaft auf Unternehmensebene

– ein kleiner Industrie-Sektor

– eine niedrige Beschäftigungsquote und eine hohe strukturelle Arbeitslosenquote

– geringe Produktivitätssteigerungen

– hohe Einkommensungleichheit vor Umverteilungsmaßnahmen

In Frankreich ist es laut Natixis so, dass es einen nur geringen Automatisierungsgrad gibt, die verarbeitende Industrie relativ klein ist und zuletzt eine De-Industrialisierung stattgefunden hat. Zu registrieren seien auch eine niedrige Beschäftigungsquote und eine hohe Arbeitslosenquote. Zudem sei das Produktivitätswachstum relativ gering, während die Einkommensungleichheit relativ hoch sei.

Eine Analyse der Korrelationen zwischen den OECD-Ländern habe ergeben, dass alle diese Nachteile der französischen Industrie zumindest teilweise auf einen geringen Qualifikationsgrad zurückzuführen seien. Außerdem sind die Natixis-Volkswirte der Meinung, dass die Wettbewerbsfähigkeit auf Kostenebene gemessen am Produktangebot schlecht ist und man Marktanteile verliert. Daher wäre Lohnzurückhaltung nötig, um die Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen.

Zusammen mit den Befindlichkeiten in der Mittel- und Unterschicht ergibt sich aus der Sicht des Autors eine Konstellation, aus der es kein einfaches Entkommen geben dürfte. Vielmehr riecht das alles nach anhaltendem sozialem und politischem Zündstoff.