Aktien Update – Linde AG

Tritt der alte Chef ab, räumt der neue erstmal kräftig auf in der Bilanz. So scheint es auf den ersten Blick auch bei Linde zu sein. Im dritten Quartal korrigierte der Münchener Industriegase-Hersteller seine Bilanz um rund 229 Mio. EUR, belastet haben ein Joint-Venture in China und die verschlechterten Marktbedingungen in Brasilien und Australien. Das Ziel von 10% Kapitalrendite wird im aktuellen Jahr damit voraussichtlich verpasst. Auch die Mittelfristplanung wird nun angepasst. Das ursprünglich für 2016 avisierte Ergebnisziel wird nun erst 2017 erreicht. Dann soll das operative Konzernergebnis zwischen 4,5 und 4,7 Mrd. EUR liegen, die Kapitalrendite (Return on Capital Employed) bei 11 bis 12%. Laut Dr. Büchele, dem neuen Vorstandsvorsitzenden von Linde, haben sich in allen Zielmärkten – außer den USA – die Konjunkturaussichten eingetrübt. Dennoch geht Linde davon aus im Jahr 2014 ein solides Wachstum zu erzielen, das operative Ergebnis sollte in etwa auf Vorjahresniveau liegen. Die Aktie reagierte letzten Donnerstag trotzdem mit einem dicken Minus von rund 5% auf die Nachricht.

Link zur Meldung

SI-Kommentar: Der Nachfolger von Wolfgang Reitzle bestritt auf der Herbst-Pressekonferenz mehrmals, dass es sich bei den Abschreibungen um eine groß angelegte „Aufräumaktion“ handelt. In bestimmten Märkten hätten sich viel mehr einzelne Parameter verändert und so den entsprechenden Korrekturbedarf ausgelöst. Um chronische Probleme soll es sich dabei nicht handeln. Das erscheint plausibel, für ein Großreinemachen erscheinen außerdem die Summen zu gering.

Der Markt für Industriegase ist nach wie vor ein spannendes Betätigungsfeld. Das Wachstum der weltweiten Industrieproduktion ist für das Geschäft von Linde der entscheidende Treiber, hier rechnet Dr. Büchele auch in den nächsten Jahren mit einem Anstieg um 3% p.a. Wenn überhaupt, jammert das Unternehmen also auf einem hohen Niveau. Das Geschäft mit den Gasen ist ein Frühindikator für die Weltkonjunktur, und diese hat sich in den letzten Monaten ganz offensichtlich spürbar eingetrübt. Dies macht sich nun auch in den Zahlen bemerkbar, jedoch ohne die langfristigen Wachstumsaussichten zu trüben. In den nächsten Jahren kann sich Dr. Büchele zudem vorstellen kleinere Zukäufe zu tätigen oder in einzelnen Ländern mittels sogenannten Asset Swaps Anlagen mit Konkurrenten zu tauschen. Nach wie vor hat Linde jedoch nicht unerhebliche immaterielle Firmenwerte aus den Übernahmen von BOC und Lincare in der Bilanz stehen (10,9 Mrd. EUR, fast ein Drittel der Bilanzsumme). Zusätzlich wurden bei beiden Übernahmen die Vermögenswerte neu bewertet. Die nun notwendigen Abschreibungen auf eine Kundenbeziehung in Australien zeigen, dass hier eventuell auch Altlasten liegen könnten.

Linde scheint auch unter der neuen Führung weiterhin auf Kurs zu sein, die schlechten Nachrichten aus der letzten Woche sollten nicht überbewertet werden. Der Kurs hatte bereits vorab die reduzierte Prognose enthalten. Teilweise waren Analystenschätzungen bereits von ähnlichen Zahlen ausgegangen, wie sie Linde nun selbst plant. Die Aktie bleibt daher mittel- und langfristig interessant. Angesichts der nun reduzierten Prognose gibt es wenig negatives Überraschungspotential.

Hinweis auf mögliche Interessenkonflikte:
Ein mit “*“ gekennzeichnetes Wertpapier wird zum Zeitpunkt der Erscheinung dieser Publikation von mindestens einem Mitarbeiter der Redaktion gehalten.

<- Zum letzten Aktien-Update         -> Zum nächsten Aktien-Update