Grafik der Woche – Bilanz eines Abstiegs

Langfristige Darstellung von Brasiliens Leistungsbilanz (1947 bis 2014, in Mio. USD)

Quelle: Banco Central do Brasil

Seit nahezu vier Jahren stagniert nun die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas, das ehemals boomende Brasilien. Angekündigt wurde diese Entwicklung – wie so oft in Schwellenländern – durch den Einbruch der heimischen Währung. Gegenüber dem US-Dollar wertete der brasilianische Real seit 2011 um mehr als 50% ab, ausländische Waren sind heute also rund doppelt so teuer als noch vor vier Jahren. Die Konsequenz sollten eigentlich sinkende Einfuhren und steigende Exporte sein. Unter dem Strich ist davon jedoch, wie die Grafik zeigt, in Brasilien noch nicht viel zu sehen. Mit einem Leistungsbilanzdefizit von 91 Mrd. USD fährt das Land im vergangenen Jahr das schlechteste Ergebnis aller Zeiten ein. Ein Trend, der durch die gesunkenen Rohstoffpreise nur noch weiter befeuert wird.

Typischerweise bringt ein solches Defizit zwei Probleme mit sich: Die Notwendigkeit einer Kapitalbeschaffung in entsprechender Höhe und eine steigende Inflation. Normalerweise wird das Finanzierungsthema erst dann zum Problem, wenn sich die Schulden auftürmen. Die Inflation dagegen zieht sofort an. Bereits 2014 lag der offizielle Wert bei 6,4%. Für das laufende Jahr erwarten Experten nun schon eine Preissteigerung von 8%. Angesichts von solchen Zahlen wirken die Proteste der Bevölkerung gegen die amtierende Präsidentin Roussef bislang nur wie ein Tropfen auf dem heißen Stein. Roussef ist in einen Korruptionsskandal des halbstaatlichen Ölkonzerns Petrobras verstrickt, immerhin saß sie in der relevanten Zeit im Board des Unternehmens.

Brasilien zeigt mit seiner Entwicklung in den letzten Jahren eindrucksvoll, wie schnell ein angeblich boomender Emerging Markets kippen kann. Und wie sehr solche „Kinderkrankheiten“ von vielen Ökonomen und Börsenexperten in Zeiten des Hypes unterschätzt wurden.

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