SIW 50/2019: Der letzte Drachentöter

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SIW 50/2019: Der letzte Drachentöter

Das Richtige tun statt den Weg des geringsten Widerstands zu gehen

Gegen alle Proteste

Aus heutiger Perspektive wirkt der in dieser Woche gestorbene Fed-Chef Paul Volcker wie aus der Zeit gefallen. Der ehemalige Fed-Chef gilt als Bezwinger der Inflation der 80er Jahre. Als er im Jahr 1979 durch Jimmy Carter zum Notenbankchef ernannt wurde, erreichte die Preissteigerung aus heutiger Sicht unvorstellbare 13%, die Leitzinsen lagen bei 11%. Volcker griff beherzt ein und erhöhte die Zinsen auf in der Spitze 20% – mit kurzfristig verheerenden Folgen: Die Arbeitslosigkeit stieg auf 10%, Millionen Amerikaner verloren ihre Jobs. Großflächige Proteste gegen Volcker waren die Folge. In Washington gab es ernsthafte Überlegungen, die Unabhängigkeit der Notenbank einzuschränken. Volcker setzte sich durch – auch da seine Schocktherapie relativ bald zu wirken begann. Bereits 1982 hatte sich die Inflation mehr als halbiert, 1983 noch einmal. Das wirklich außergewöhnliche an Volcker ist, dass er es wagte, kurzfristige volkswirtschaftliche Schmerzen in Kauf zu nehmen, um das langfristige Wohlergehen der US-Wirtschaft sicherzustellen. Eine Denke, die heutige Zentralbanker offenbar verloren haben. So musste Fed-Chef Powell die begonnene Zinsnormalisierung bereits abbrechen, als lediglich erste dunkle Wolken am Konjunkturhimmel zu beobachten waren. Volcker gehörte dagegen zu den vier ehemaligen Fed-Chefs, die sich im August in einem Beitrag im Wall Street Journal zur permanenten Einmischung von US-Präsident Trump in die Geldpolitik zu Wort meldeten. Dies würde das Vertrauen in die Institutionen der USA untergraben. Auch Jerome Powell dürfte jedoch nicht vom Kaliber eines Paul Volcker sein. Lauscht man seinen Statements, wird klar, dass heute jeglicher Gegenwind als willkommene Ausrede benutzt wird, um erneut die Geldschleusen zu öffnen. Ein „Drachentöter“, wie Volcker einer war, ist Powell ganz bestimmt nicht. Heute Abend dürfte Powell die Zinsen zwar vermutlich unverändert lassen, bereits 2020 könnte sich der aktuelle Zinssenkungsszyklus jedoch weiter fortsetzen.

Operation „Palldium“

Aus der Außenperspektive betrachtet ist Wirecard seit einer gefühlten Ewigkeit der unterhaltsamste „Fortsetzungsroman“ am deutschen Kapitalmarkt. Seit dieser Woche ist diese Geschichte erneut um ein Kapitel reicher. Erneut legte die Financial Times und deren Autor Dan McCrum nach und warfen Wirecard unsaubere Bilanzierungspraxis vor. Guthaben von Kunden sollen von Wirecard fälschlicherweise als eigene Cashposition betrachtet werden. Gleichzeitig machte die Geschichte die Runde, das Unternehmen hätte Privatdetektive unter dem Codenamen „Palladium“ auf einzelne Shortseller und Journalisten angesetzt. Zusätzlich Öl ins Feuer gegossen wurde gestern durch die Meldung einer Shortposition durch den Londoner Hedgefonds TCI, der rund 0,5% der Wirecard-Aktien leerverkauft hat. Wirecard selbst veröffentlichte unterdessen, wie die typischen Prozesse bei einer Zahlungsabwicklung über externe Partner wie Al Alam in Dubai funktionieren. Die ganze Geschichte ist so dubios wie komplex, dass sich nicht ansatzweise sagen lässt, wie es am Ende ausgeht. Für die Shortseller sprechen die vielen „Red Flags“, die bei Wirecard an jeder Ecke und immer wieder aufpoppen. Für das Unternehmen spricht die Tatsache, dass sich die Vorwürfe langsam im Kreis drehen. Wirecard gibt am laufenden Band neue Kooperation mit Unternehmen wie Aldi, Ikea und anderen bekannten Namen bekannt. Sollen all diese Geschäfte Fiktion sein? Möglich ist dagegen, dass viele der Geschäfte des Unternehmens in Asien unter völlig anderen Rahmenbedingungen ablaufen wie in Europa. Zwischengeschaltete Drittparteien und grenzwertige Transaktionen sind dort Insidern zufolge völlig normal. Wenn dies aus Sicht von Unternehmen wie Visa oder Mastercard nicht akzeptabel wäre, hätten diese Wirecard wohlmöglich schon lange die Lizenzen entzogen. Erst Anfang des neuen Jahres dürfte mit dem KPMG-Gutachten Beruhigung in die Aktie kommen – sofern es positiv ausfällt. Die Frage aller Fragen ist jedoch, was überhaupt der konkrete Prüfungsauftrag ist und ob das Unternehmen ein pures Alibi-Gutachten erstellen lässt. Wenn Wirecard-CEO Markus Braun sein Unternehmen retten möchte, sollte er nun in Sachen Transparenz nicht nur einen Gang, sondern mehrere Gänge nach oben schalten.

 

 

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Zu den Märkten

Der gestrige Dienstag war einer der interessantesten Handelstage der letzten Wochen – und er war durchaus geeignet, die Marktteilnehmer in ein Wechselbad der Gefühle zu stürzen. Im linken Teil der Abb. sehen Sie eine Momentaufnahme des DAX am Vormittag. Der Index rauschte nahtlos in einer langen schwarzen Kerze nach unten. Negativer geht es eigentlich nicht, denn schon die jüngere Vorgeschichte sieht bedenklich aus: Vor ziemlich genau einer Woche gab es eine ähnlich negative Kerze, die sich in unmittelbarer Nähe des vorangegangenen Bewegungshochs ausgeprägt hatte. Zwischen diesen beiden Kerzen lag eine klassische, fünftägige Korrekturbewegung, in der rund zwei Drittel dieses ersten großen Tagesverlustes wieder aufgeholt wurden. Gestern Vormittag schien dann alles sonnenklar: Der Markt hat diese Aufwärtskorrektur mit einem weiteren Abwärtsschub beendet. In diesem Zeitpunkt (linker Teil der Abb.) sah also alles nach einem Markt aus, der das soeben ausgebildete Zwischenhoch dynamisch nach unten abschließt.

Deutlich anders stellt sich die Situation am Sitzungsende dar: Der DAX konnte bis dahin nicht nur den gesamten Verlust des Vormittags wieder aufholen, er lag sogar minimal im Plus (vgl. rechter Teil der Abb.). Die normale Reaktion auf dieses Bild dürfte nicht ganz so negativ ausfallen, ja sogar von einer gewissen Erleichterung geprägt sein. Dennoch ist auch dieses Muster nicht ganz so harmlos, wie es im Vergleich zum Tagesverlauf aussieht. Im Prinzip sehen wir hier ziemlich genau einen „Hanging Man“ und der hat genau jene negativen Implikationen, die man mit der Bezeichnung assoziiert. Allerdings befindet sich diese Kerze nur am Ende einer kurzen Aufwärtskorrektur, nicht aber – wie gefordert – am Ende eines Aufwärtstrends. Zudem ist das Kursgeschehen am heutigen Folgetag – zumindest zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe – positiv, womit die Lehrbuchdefinition des „Gehenkten“ nicht erfüllt ist.

Aus dem gestrigen Tagesgeschehen lassen sich zwei Lehren ziehen: Die konkrete, wenn man so will tagesaktuelle Lehre lautet, dass es den DAX-Bären inzwischen schon das zweite Mal in kurzer Zeit gelungen ist, phasenweise, aber sehr sichtbar, die Kontrolle an sich zu reißen. Das sollte man im Hinterkopf behalten, denn diese Zeit des Jahres ist an den Börsen nicht nur durch die Jahresendrally gekennzeichnet, sondern auch durch ein geradezu glühweinseliges Vertrauen auf diese Rally. Wer an der Börse aber allzu sorglos ist, der kann durch derartige Attacken leicht aus der Bahn geworfen werden, weil er dann kurzfristig mit Situationen konfrontiert wird, die er so nicht ansatzweise auf dem Radar hatte. Panikreaktionen sind dann nicht ausgeschlossen.

Die längerfristige Lehre ist, dass man für die Technische Analyse eines Marktes im gewählten Zeitfenster bleiben sollte. Wer also auf der Basis von Tageskursen disponiert, sollte konsequenter Weise auch auf der Basis abgeschlossener (!) Tageskerzen analysieren. Ansonsten kann es leicht passieren, dass auf eine Konstellation gehandelt wird, die im späteren Chartverlauf nicht einmal mehr sichtbar ist, weil sich das Muster noch während der Sitzung verflüchtigt hat. Das gilt natürlich analog auch für jedes andere Zeitfenster. Eine Schwierigkeit ergibt sich allerdings bei der Platzierung von Stopps. Sind die entsprechenden Orders im Markt aktiv, werden sie beim Vorliegen der Bedingungen ausgeführt – auch mitten in der Sitzung. Im Ergebnis wird man sich dann manches Mal wünschen, dass man nicht durch einen temporären Schwächeanfall aus seiner Position herausgeschüttelt worden wäre. Für unser Musterdepot handhaben wir diese Problematik daher in aller Regel so, dass wir auf Basis des Schlusskurses zur nächsten Eröffnung, oder aber gleich zur Eröffnung disponieren. Das gibt Ihnen, liebe Leser, auch die Möglichkeit, die Transaktionen simultan nachzuvollziehen.

 

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Der Goldpreis dreht und unsere Minentitel sind dabei. Mehr dazu im heutigen Musterdepot. Sie können Sie sich durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

 

 

Smart Investor 12/2019

Nebenwerte: Es kommt nicht auf die Größe an

IPO-Anomalie: Wie erklärt sich die Underperformance?

Weltsystemcrash: Max Otte zeichnet ein düsteres Bild

Turnaroundaktien: Wo die Chemie stimmt

 

 

 

Fazit

Mit Paul Volcker ist der letzte große Drachentöter abgetreten. Die von ihm getragenen Schuhe waren jedem späteren Notenbankchef – auch außerhalb der Fed – um viele Nummern zu groß.

Christoph Karl, Ralph Malisch

 

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