„Verrechnet“

Titelbild: © pholidito – stock.adobe.com

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EZB-Inflationsprognose auf der Suche nach der Wirklichkeit

Prognose als Wunschkonzert

Manch einer hatte bislang Honig aus der Inflationsprognose der EZB gesaugt, die bereits für das laufende Jahr wieder mit einer Preissteigerungsrate von weniger als 2% p.a. kalkulierte. Bei vielen Beobachtern löste diese Prognose allerdings nur ungläubiges Staunen und Kopfschütteln aus. Trotz unbestreitbarer Einmal- und Basiseffekte war kaum vorstellbar, dass sich die beobachtbare Preisdynamik, insbesondere auch die auf der Vorstufe der Erzeugerpreise, schon in kurzer Zeit wieder in Luft auflösen werde. Was man lange bestritt, ist nun offiziell: Seit der letzten Anpassung prangt bei der Inflationsprognose für die Eurozone für das laufende Jahr erstmal seit Jahren wieder eine Zahl mit einer Zwei vor dem Komma. Ein Plus von 2,3% soll es demnach werden, was angesichts des aktuellen Preisgeschehens noch immer moderat wirkt. Wichtig ist die „magische Zwei“ deshalb, weil sie nicht nur Zielgröße der Geldpolitik, sondern auch eine Art Maginot-Linie der EZB ist. Wird sie überschritten, ist klar, dass es ein Problem an der Preisfront gibt. Das gilt vor allem dann, wenn es sich nicht nur um einen „zufällig“ erreichten Wert im Zeitablauf handelt, sondern die EZB höchstselbst diesen Wert als Prognose veröffentlicht.

Mehr als eine Zahl

Vermutlich war man auch aus diesen Gründen so erkennbar bemüht, keinen Wert jenseits der 2%-Linie auszuweisen, schon gar nicht in der eigenen Vorhersage. Denn ein solcher Wert löst bei den Marktteilnehmern doch zumindest die Erwartung aus, dass die EZB in irgendeiner Weise darauf reagieren müsse – trotz der neuen und sehr laxen Definition des 2%-Preisziels, die auch temporäre Überschreitungen erlaubt. Wird diese Erwartung enttäuscht, könnte es nicht nur zu Umschichtungen aus dem Euroraum kommen, sondern auch zu regelrechten Spekulationswellen gegen den Euro. Die Märkte entwickeln nämlich regelmäßig ein gutes Gespür dafür, wo Blut im Wasser ist. Ob in einer solchen Situation die im vierten Quartal 2021 erreichte Stabilisierung des Euro gegenüber dem US-Dollar wird halten können, ist daher fraglich – zumal diese Gleichung mit der Politik der US-Notenbank Fed noch eine weitere Variable ausweist.

Finanzierung „über Bande“

Die offene Flanke des Euro liegt in seiner Konstruktion, und die wäre kurzfristig nicht einmal dann heilbar, wenn die Bereitschaft dazu bestünde. Die schwächsten Teilnehmerstaaten dieser äußerst heterogenen Währungsgemeinschaft können angesichts der erreichten Verschuldung eine Zinserhöhung kaum vertragen, eine nennenswerte schon gar nicht. Dabei geht es bekanntlich nicht um Kleinstaaten der Peripherie, sondern um Euro-Schwergewichte wie Italien oder Spanien, die man kaum dauerhaft „über Bande“ finanzieren kann. Dass die Verspannungen innerhalb des Euro wieder zunehmen, zeigt auch die Entwicklung der Target2-Salden, über die beispielsweise die Banca d’Italia zuletzt wieder deutlich mehr bei der EZB, de facto also bei der Deutschen Bundesbank zinslos (!) anschreiben ließ. Eine Zinserhöhung würde diesen schon jetzt strapazierten Mechanismus möglicherweise überstrapazieren.

Geld aus dem Computer, Strom aus der Steckdose

Obwohl die Realität die Eurozone einholt, wie man am scheibchenweisen Rückzug vom Narrativ einer nur „vorübergehenden Inflation“ erkennen kann, wird es hier also wohl nicht zu ernsthaften Zinserhöhungen kommen. Die EZB räumt mit dem zähneknirschenden Eingeständnis, sich „verrechnet“ zu haben, nur jene Position, die ohnehin nicht mehr zu halten war. Man habe die explodierenden Energiepreise nicht richtig berücksichtigt. Das Thema beschäftigt die Menschen zwar seit vielen Wochen, aber im Frankfurter Elfenbeinturm schien die Botschaft nicht angekommen zu sein. Geld kommt aus dem Computer und der Strom dafür aus der Steckdose. So peinlich dieses Eingeständnis auch ist, sollte es wohl auch das Signal senden, dass man mit der neuen Inflationsprognose diese Entwicklung bereits berücksichtigt habe. Es ist das Wesen der Salamitaktik, dass im Laufe der Zeit viele kleine Scheiben geschnitten werden. Eine Gratwanderung bleibt diese Art der Kommunikation aber allemal: Denn von einer Institution, die vorausschauend steuern soll – Austrians erkennen schon darin eine nicht widerlegbare Anmaßung von Wissen –, sollte man doch erwarten, dass sie auch in der Gegenwart sattelfest ist. Wird die Glaubwürdigkeit aber auf diese Weise verspielt, dann kann eine der schärfsten Waffen im Arsenal jeder Notenbank stumpf werden – die manipulative Ansprache der Märkte. Dass der Boulevard EZB-Chefin Christine Lagarde bereits das wenig schmeichelhafte Etikett „Madame Inflation“ angeheftet hat, kann weder die Chefin selbst noch die Institution kalt lassen. Zumindest in die verbale Inflationsbekämpfung ist der frisch gebackene Präsident der Deutschen Bundesbank, Joachim Nagel, gleich direkt eingestiegen – er mahnte die EZB zur Wachsamkeit an.

Verbaler Dampfhammer

Mehr Spielraum in der Sache hat derzeit die US-Notenbank Fed. Deren Chef, Jerome Powell, wird nicht müde, seine Entschlossenheit bei der Bekämpfung der Inflation zu beteuern. Warum sich mit Salamischeiben abmühen, wenn man den Dampfhammer auspacken kann? Am gestrigen Dienstag kündigte er an „alle Instrumente“ nutzen zu wollen, um die höchste Inflation seit rund vier Jahrzehnten einzudämmen. Darauf reagierten die Märkte zwar gelassen, allerdings erhielten diese ihre kalte Dusche schon in der Vorwoche mit der Veröffentlichung der Fed-Sitzungsprotokolle. Demnach gewann im Direktorium nämlich die Auffassung an Popularität, dass es zu einem schnelleren Tempo beim Bilanzabbau der Fed kommen sollte. Klartext: Die Liquiditätsversorgung könnte ins Stottern geraten, was für Märkte, die sich so sehr an daran gewöhnt haben, ein herber Schlag ist. Aber auch diese, im Vergleich zur EZB aggressive Ansprache der Märkte ist nicht ohne Risiken. Denn die Marktteilnehmer werden den Fed-Chef an seinen markigen Ankündigungen messen. Zwar sind Notenbanken in der Regel nicht verlegen, „unerwartete“ Entwicklungen aus dem Hut zu zaubern, wenn sie von einem zuvor angekündigten Pfad abzuweichen wollen, aber auch so kann man Glaubwürdigkeit verspielen. So unterschiedlich beide Notenbanken derzeit vor allem auch verbal agieren, sind doch beide mit dem gleichen Problem konfrontiert: Was als „Rettung“ begann, hat, wenig überraschend, neue Monster geschaffen – eine exorbitante Verschuldung bzw. einen entsprechenden Geldüberhang und nach Jahren der trügerischen Ruhe ein sprunghaftes Anziehen der Preissteigerungsraten – genau so stellt man sich eine Ketchup-Inflation vor.

Zu den Märkten

Wie dramatisch die Reaktion der Märkte auf die Fed-Minutes war, ist besonders gut am bis dahin favorisierten NASDAQ-100 abzulesen. Der Index verließ die aufwärtsgerichtete Keilformation mit einem kräftigen Schub nach unten. Berücksichtigt man, dass die ersten Januartage historisch zu den besseren Börsenphasen zählen, ist die Marktschwäche der letzten Woche besonders bemerkenswert. Zudem blicken Börsianer immer wieder auf den sogenannten Januar-Effekt, demzufolge die ersten Handelstage eine Indikatorfunktion für das ganze Börsenjahr haben sollen. Dies allerdings ist ein Effekt, der sich nur statistisch zeigt, nicht aber in jedem einzelnen Jahr. Dass der gestrige Tag an der NASDAQ versöhnlich und positiv ausfiel, muss noch keine Entwarnung sein. Ein solches Kursverhalten wäre auch im Rahmen einer Pullback-Bewegung stimmig und sogar trendbestätigend.

Die angedachten bzw. angekündigten Maßnahmen der Fed ließen naturgemäß auch das Gold nicht unberührt, das traditionell der Gegenspieler des US-Dollar ist. Der Preis fiel unmittelbar unter die vielbeachtete Marke von 1.800 USD/Feinunze, konnte diese aber kurze Zeit später wieder zurückerobern. Das Chartbild sieht auch weiter konstruktiv aus. Unerwarteten Rückenwind könnte Gold noch aus der Ecke der Krypto-Anlagen bekommen. Über Jahre hatte der Bitcoin dem gelben Metall nicht nur den Rang abgelaufen, sondern es regelrecht deklassiert. Das technikaffine jüngere Publikum griff bei der Suche nach Alternativen zu den Fiatgeldern eher zu Kryptos als zu Edelmetallen. Nun hat der Bitcoin in den letzten Monaten knapp ein Drittel seines Wertes verloren und gerät auch politisch immer mehr unter Druck. Neben den Verboten in China, phasenweise immerhin Bitcoin-Land Nr. 1, wird nun auch mit Verweis auf den exorbitanten Stromverbrauch vermehrt Stimmung gegen den Ur-Coin gemacht. Möglicherweise finden also auch hier Umschichtungen in das altbewährte Gold statt.

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über die Entwicklung in unserem Musterdepot und in unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

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Fazit

Ein Auftakt nach Maß sieht anders aus. Die Börsen mussten in den so wichtigen ersten Handelstagen des Jahres herbe Abschläge hinnehmen. Während Fed-Chef Jerome Powell den starken Mann markiert, schlingert Madame „Inflation“ Lagarde weiter zwischen Wunschprognosen, Istzustand und der Hoffnung, die Inflation einfach wegreden zu können.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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