„An Ideen fehlt es mir sicher nicht“

Armin Zinser

Smart Investor: Herr Zinser, Ihr Unternehmen ist der Asset-Management-Arm der französischen Versicherung Groupe Prévoir. Sie investieren daher neben den Geldern Ihrer Fonds auch die Prämien der Versicherten – vergleichbar mit Warren Buffett bei seinen Versicherungstöchtern. Sind Sie der Warren Buffett von Prévoir?

Zinser: Das wäre zu viel der Ehre, dafür habe ich zu viel Respekt vor Buffett. Allerdings ist dieses Geschäftsmodell natürlich auch für mich interessant. Verglichen mit Berkshire Hathaway sind wir lediglich eine kleine nationale Lebensversicherung. Aber es kommt auf die Qualität und nicht auf die Quantität an. Buffett ist mit Sicherheit eines der Vorbilder für mich, aber auch nicht ausschließlich. Ich bin ja eigentlich für Wachstums- und Qualitätsaktien zuständig, während Buffett ja eher versucht, den Value-Aspekt nach vorne zu bringen. Daher versuche ich, „mein Ding“ zu machen…

Smart Investor: Anders als Buffett stehen Sie auch dem Thema Edelmetalle deutlich offener gegenüber…

Zinser: In der Tat, ich bin eigentlich ein „Goldfreak“. Dies liegt vor allem daran, dass ich mit unserem Geldsystem ein Problem habe. Ich denke, nur Gold ist Geld und alles andere ist eben nur Papier. Warren Buffett denkt dagegen, Gold ist ein barbarisches Relikt, das keine Erträge abwirft. Wenn ich daher meine Kaufkraft über einen längeren Zeitraum erhalten will, ist Gold das ideale Vehikel. Ich spreche aber ausdrücklich von physischem Gold, das idealerweise nicht in angelsächsischen Ländern gelagert werden sollte. In meinen Fonds darf ich leider kein physisches Gold halten. Den Politikern und Zentralbankern ist durchaus bewusst, dass Gold in größter Konkurrenz zum staatlichen Monopolgeld steht. Deswegen ist es ihnen offensichtlich ein Dorn im Auge, wenn Fondsmanager es in ihren Portfolios halten.

Smart Investor: Ihr Investmentstil lässt sich nicht in eine Schublade stecken. Welche fundamentalen Kriterien sind für Sie entscheidend?

Zinser: Es ist eigentlich ganz einfach: Ich versuche, sehr pragmatisch und mit dem gesunden Menschenverstand vorzugehen und Unternehmen zu finden, die sowohl im Umsatz als auch im Ergebnis um mindestens 5% pro Jahr zulegen. Firmen, bei denen der Staat eine Rolle spielt, sei es als Aktionär, Subventionär oder Großkunde, schließe ich aus. Gegen eine attraktive Dividendenrendite habe ich dagegen nichts – allein schon, weil ich eine Ausschüttung als ein disziplinierendes Element für das Management ansehe.

Das Unternehmen sollte zudem eine intakte Entwicklung beim Free Cashflow vorweisen können, da dies eine kaum manipulierbare Größe ist. Alle anderen Bilanzrelationen resultieren im Zweifel aus den Verhandlungen des Managements mit den jeweiligen Wirtschaftsprüfern. Am wichtigsten ist mir allerdings, dass ich die Vorstände persönlich kenne und diesen vertraue. Es sollte einem immer bewusst sein, dass es die Menschen sind, die die Zahlen machen, und nicht etwa die Zahlen die Menschen.

Wenn eine Aktie in den nächsten 18 Monaten 15% und mehr Potenzial über dem Markt hat, ist sie für mich auch am Top noch interessant. Gewinne lasse ich dann laufen, Verluste realisiere ich, wenn eine Aktie im Vergleich mit dem Markt 8% verloren hat. Investieren ist für mich eher eine Kunst und viel Disziplin, als etwas, was ich mit einem mathematischen Modell berechnen kann.

Smart Investor: Die laufende Hausse ist mittlerweile in einem relativ reifen Stadium. Finden Sie noch attraktive Wachstumstitel, die Ihren Kriterien entsprechen?

Zinser: Es gibt immer wieder attraktive Aktien. An Ideen fehlt es mir sicher nicht. Aber Sie haben schon recht. Die Hausse ist schon in einem fortgeschrittenen Stadium. Ich würde nicht sagen in einem Endstadium, insbesondere was europäische Aktien betrifft. Wer sagt, dass die Sache nicht noch deutlich weiter geht? Das Deflationsgespenst ist mittlerweile nicht mehr sichtbar. Wo können Sie heute noch in reale Assets investieren und dabei einen gewissen Ertrag realisieren?

Bei fast allen anderen Anlageklassen investieren Sie letztendlich in Versprechen, die ohnehin nicht eingehalten werden
können. Insofern gehe ich sogar noch von einer deutlich größeren Rally aus. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass wir den DAX in nicht allzu ferner Zukunft bei 15.000 Punkten sehen. Kurzfristig kann ich mir schon einen temporären Einbruch vorstellen, aber da muss man durch.

Smart Investor: Eine der größten Positionen in Ihrem Fonds ist die Aktie von Aurelius, die wir auch sehr gut kennen und intensiv verfolgen. Was halten Sie von den Vorwürfen des Shortsellers Gotham City Research?

Zinser: Ich halte das für eine glasklare Kursmanipulation. Das sind Leute, die versuchen, den Markt zu hintergehen. Es ist mir unerklärlich, warum hier die Aufsichtsbehörden nicht stärker durchgreifen. Ich werde richtigerweise bei all meinen Transaktionen überprüft, deshalb kann ich nicht verstehen, warum man gegen solche Leute, die bewusst Tatsachen verdrehen und dabei versuchen zu profitieren, nicht vorgeht.

Man kann natürlich über die Bilanzierung debattieren. Aber die IFRS-Regeln lassen einem Unternehmen wie Aurelius kaum eine andere Wahl. Das Unternehmen hat in der Vergangenheit seinen Job hervorragend erledigt. Ich kenne den Vorstand Dr. Dirk Markus relativ gut und vertraue ihm vollständig. Die Vorwürfe von Gotham City Research halte ich für wenig substanziell, denn sie dienen nicht der Aufdeckung irgendwelcher Machenschaften.

Smart Investor: Sie leben in Paris. Die dortige Präsidentschaftswahl hält aktuell ganz Europa im Bann. Mit welchem Ausgang rechnen Sie?

Zinser: Ich muss zunächst einmal sagen: Man lebt in Frankreich sehr gut, es ist ein wunderbares Land und die Franzosen sind wirklich tolle Leute. Aber die politische Situation ist schon zum Verzweifeln. Ich nenne die französische Politikerkaste auch „ENArchie“. Das sind die ENA-Absolventen, die die Nationale Hochschule für Verwaltung besucht haben. Es gibt also nicht wirklich eine Wahl, was die Kandidaten an den extremen Rändern populär macht. Allerdings werden die Franzosen vermutlich weder Marine Le Pen noch Jean-Luc Mélenchon wählen.

Smart Investor: In Deutschland wird der junge Kandidat Emmanuel Macron in den Medien schon zum sicheren Sieger erklärt. Was ist von ihm zu halten?

Zinser: In Deutschland wird lediglich aus den französischen Medien kopiert, denn auch dort wird Macron zum „Messias“ oder auch zum französischen Obama hochstilisiert. Macron steht für mich allerdings für eine Fortsetzung der nicht gerade erfolgreichen fünf Jahre der Regierungszeit Hollandes.

Er steht auch für eine gewisse Beliebigkeit. Zwar behauptet er, dass er nicht zum Establishment gehört, in Wahrheit ist er aber ein 100%iger „Apparatschik“. Als Wirtschaftsminister hat er meiner Meinung nach u.a. mit dem Verkauf von Teilen Alstoms an General Electric gravierende Fehler gemacht. Ich muss aber zugeben, er ist aktuell vermutlich der Kandidat mit den größten Chancen.

Smart Investor: Herr Zinser, vielen Dank für das sehr interessante Gespräch.

Interview: Christoph Karl, Christian Bayer

 

Armin Zinser ist für die Aktienanlagen der französischen Versicherung Groupe Prévoir zuständig. Daneben managt er die Publikumsfonds Prévoir Gestion Actions (WKN: A1T7ND) und Prévoir Perspectives (WKN: A1XCQU). Als waschechter Anhänger der Österreichischen Schule der Ökonomik bezeichnet Zinser seinen Anlagestil als pragmatisch und am gesunden Menschenverstand orientiert. Einer dezidierten Strategie möchte er sich daher nicht zuordnen lassen. Der gebürtige Schwabe lebt seit vielen Jahren in Paris. Bevor er zur Prévoir Gestion wechselte, war Zinser für die OECD im Asset-Management tätig. Seine Fonds wurde mehrfach mit dem „Lipper Fund Award“ ausgezeichnet, der Prévoir Gestion Actions in den letzten Jahren sogar für den Zeitraum von zehn Jahren.