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SIW 25/2019: Geldschleusen auf!

© Matthias Buehner

Bildnachweis: © MATTHIAS BUEHNER – stock.adobe.com.

Geldschleusen auf!

Die Druckerpresse wird wieder angeschmissen

Gleichwertiges Spielfeld

Mario Draghi verspricht und die Börsen folgen. So hat es sich gestern zumindest wieder einmal zugetragen. Falls sich der wirtschaftliche Ausblick in der Eurozone nicht verbessern sollte und die Inflation nicht anzieht, wird laut Draghi eine weitere Lockerung der Geldpolitik notwendig sein. Lockerung wovon, könnte man als unbedarfter Beobachter nun fragen? Schließlich setzt die europäische Zentralbank zuletzt Leitzinsen im Negativbereich und 10-jährige Bundesanleihen markierten mit -0,3% ein absolutes Allzeittief. Draghi stellt jedoch weitere Anleihekäufe und sogar weitere Zinssenkungen (!) in Aussicht. Die Hoffnung auf diesen neuen Stimulus löste an den europäischen Börsen ein Kursfeuerwerk aus. Und brachte der EZB unmittelbar den Twitter-Zorn von US-Präsident Trum ein: Die Europäer würden damit ihre Währung manipulieren und den USA massiv schaden. Zwar offeriert ein Blick auf die Börsenentwicklung der vergangenen Jahre etwas anderes, auch in den USA dürfte jedoch die Kehrwende hin zur erneut expansiven Geldpolitik ebenfalls kurz bevor stehen.

Indirekt drohte Trump Fed-Chef Powell vorgestern sogar mit Abberufung, abhängig davon, wie sich Powell verhalte. Er wolle von der Notenbank ein gleichwertiges Spielfeld bereitgestellt bekommen, wie es die Europäer hätten. Auch ohne Intervention von Trump hatte Powell zuletzt angekündigt, so zu handeln, dass der Handelskrieg die Wirtschaft nicht abwürge. Die Fed-Auguren streiten nun schon länger, ob dies bereits auf der heutigen Sitzung zu einer ersten Zinssenkung führen könnte. Für den bekannten Journalisten Jim Grant von Grant’s Interest Rate Observer ist dieser Zinsschritt bereits eine ausgemachte Sache. Die Fed würde vorauseilend die Zinsen senken, da dies an den Märkten bereits die Konsens-Meinung ist. Die Frage sei aber, was Geldpolitik überhaupt gegen etwas so reales wie einen zurückgehenden Handel ausrichten könne. Für das Gesamtjahr erwartet er mehrere Zinsreduktionen. Auf beiden Seiten des Atlantiks dürfte klar sein, dass die Geldschleusen wieder weit geöffnet werden.

Konzern-Coin

Zweifel an der Solidität der Geldpolitik sind angesichts dieser Niedrigzins- und Gelddruckexzesse also allemal angebracht. Kein Wunder, dass sich viele Anleger auch nach Alternativen zu den Fiat-Währungen umsehen. Keine Option dürfte dafür der gestern von Facebook* vorgestellte Krypto-Coin Libra sein, der zumindest unter Krypto-Fans für neue Euphorie sorgte. Schließlich könnte die Facebook-Kryptowährung der Türöffner zur großen Finanzwelt sein, sollte sich die neue „Währung“ tatsächlich durchsetzen. Die Chancen dafür stehen gar nicht mal schlecht. Immerhin besitzt Facebook ca. 2,4 Mrd. Nutzer in seinen diversen Messengern. Einfache Bedienung und eine Einbindung diverser namhafter Partner wie Visa, Mastercard oder Paypal versprechen Seriosität und eine breite Akzeptanz. Um eine echte Währung dürfte es sich beim Libra – zumindest basierend auf den heutigen Fakten – jedoch kaum handeln.

Vielmehr dürfte es um ein groß angelegtes Projekt zur Vereinfachung von Zahlungen handeln, das mit ein wenig „Krypto“ und „Blockchain“-Phantasie angereichert wird. Der Libra soll ein sogenannter Stablecoin werden – Kursschwankungen zu Euro oder Dollar dürften damit abgestellt werden. Analog zu WeChat in China könnte die neue Zahlfunktion einen größeren Teil des Zahlungsverkehrs an sich reißen. Größte Konkurrenz dürften allerdings nicht Bitcoin & Co sondern Paypal und andere Zahlungsdienste sein. Am Ende wird es vor allem auf eines ankommen: Welche Lösung setzt sich tatsächlich am Markt durch. Und während im Bitcoin auch heute noch lediglich 1,5% der Transaktionen zur Abwicklung tatsächlicher Zahlungen getätigt werden – der Rest ist überwiegend spekulativer Tausch von Euro und Dollars in Bitcoin und zurück – könnte der Libra genau dort ansetzen. So kritisch viele Krypto-Fans den Konzern-Coin aus dem Hause Facebook sehen, am Ende könnte er die Oberhand gewinnen.

Eine „angemessene Reaktion“

Nicht selten kommt es an der Börse exakt anders als man denkt. So auch in der letzten Woche. Am Wochenende zuvor hatte US-Präsident-Trump die von ihm so geliebte Zoll-Waffe auch gegen den Nachbarn Mexiko angewandt – nicht etwa aus wirtschaftlichen Gründen, sondern um den Nachbarn zu einer strikteren Kontrolle seiner Grenze zu den USA zu animieren. Den Börsen schmeckte diese Nachricht überhaupt nicht, zu unberechenbar erschien die Trump‘sche Verhandlungstaktik. Die große Überraschung: In den letzten Tagen setzten die Märkte zu einer kleinen Aufholjagd an. Eine Rally, die nüchtern betrachtet eigentlich keinen Sinn ergab. Der wesentliche Grund dafür dürfte weniger die Einigung mit Mexiko, sondern die Äußerungen von Fed-Chef Powell sein, der erklärte, eine „angemessene Reaktion“ auf den Handelskrieg zwischen den USA und China finden zu wollen. Für die Börsianer ist damit klar, dass die Zeiten einer restriktiven Geldpolitik endgültig vorbei sein dürften. An den Terminmärkten werden mittlerweile die Chancen auf eine erste Zinssenkung im Juli bei knapp 70% gesehen. Die Stabilität der Börsen dürfte also zu einem großen Teil vom sogenannten „Powell-Put“ abhängen. Der Fed-Chef machte schließlich ziemlich klar, dass er die Börsen nicht hängen lassen würde.

Zu den Märkten

Als wir in der Vorwoche an dieser Stelle den Ausbruch aus der Abwärtsflagge (vgl. Abb., rote Linien) kommentierten, bestand noch die Möglichkeit eines erneuten raschen Absinkens in diese Flagge (= Fehlsignal). Diese Gefahr ist nun aus zweierlei Gründen vom Tisch. Zum einen kroch der Kurs nach dem Durchbruch lediglich am oberen Flaggenrand entlang, was durchaus als Stärke beim Verdauen des vorangegangenen Kursschubs bewertet werden kann. Zum anderen löste sich der Kurs gestern mit einem weiteren Kursschub kraftvoll von dieser Flagge nach oben. Das Zusammenspiel beider Kursschübe – Kursschub, Konsolidierung, Kursschub – macht ein bloßes Short-Covering unwahrscheinlich. Dieses ist normalerweise von einer äußerst starken Dynamik am Beginn gekennzeichnet, die dann rasch nachlässt. Eine mehrtägige Konsolidierung kommt in diesen Rallys aufgrund des Handlungsdrucks der Marktteilnehmer dagegen eher nicht vor.

Als Folge kratzt der DAX nun sogar bereits wieder an seinem blauen Aufwärtskanal. Dieser ist allerdings so steil, dass es keine Voraussetzung für eine Fortsetzung der Aufwärtsbewegung wäre, dass genau dieser Kanal zurückerobert wird. Im Ergebnis könnte es also erst einmal auf eine Verflachung bei weiter positivem Grundton hinauslaufen. Dies entspräche der charttechnischen Standarderwartung. Allerdings steht der Markt nun auch kurz vor der bereits in der Vorwoche thematisierten Widerstandslinie, die aus dem 2014er Allzeithoch resultiert und den DAX in der Vergangenheit schon mehrfach ausbremste (vgl. Bild im Bild). Wir müssen also davon ausgehen, dass diese Marke bei charttechnisch orientierten Marktteilnehmern Beachtung findet. Input, um diese Marke entweder nach oben zu durchbrechen, oder erneut daran zu scheitern, dürfte es in den nächsten Tagen und Wochen reichlich geben. Bei dem ab 28. Juni anstehenden G20-Gipfel wird sich das Verhältnis zwischen China und den USA entweder weiter verdüstern oder aber aufhellen. Auch das Säbelrasseln zwischen den USA und dem Iran könnte jederzeit bis in einen Militärschlag eskalieren, oder sich aber erneut entspannen.

Insbesondere die jeweils zweitgenannte, optimistischere Option ist in den Medien derzeit unterrepräsentiert und könnte von daher das eigentliche Überraschungspotenzial in der saisonal eigentlich anstehenden Saure-Gurken-Zeit liefern. Das dürfte weniger daran liegen, dass die optimistische Variante in beiden Konflikten so viel unwahrscheinlicher wäre als die pessimistische, sondern eher damit zu tun haben, dass Medien von der Sensation leben und von daher nur allzu gerne Katastrophenszenarien zeichnen, die so meist nicht eintreten. Zudem stochern sie buchstäblich im Nebel, denn die Konfliktparteien nutzen die Medien mit Sicherheit nicht, um die Menschen zu informieren, sondern, um das zu kommunizieren, was sie im Rahmen ihrer Strategie kommunizieren wollen. Erinnert sei an die Ende 2017 medial massiv eskalierende USA-Nordkorea-Krise, über die ein halbes Jahr später erst einmal keiner mehr sprach. Nicht zuletzt ist es schwer vorstellbar, dass Börsianer von etwas überrascht und damit zu Transaktionen motiviert werden, das bereits ausführlich auf den Titelseiten des Boulevards durchgekaut wurde.

Musterdepot Aktien & Fonds

Im Bereich „Highlights/Musterdepot“ führen wir heute eine Rochade im Edelmetallsektor durch und trennen uns von unserer DAX-Absicherung. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

 

Smart Investor 6/2019 - Eigentum: Gut für alle!Smart Investor 6/2019:

 

Titelstory: Eigentum – Gut für alle!

Healthcare: Gesundheit in kleinen Dosen

Beteiligungsgesellschaften: Tops, Flops und das gesunde Mittelmaß

 SoftBank Group: Zwischen Genie und Wahnsinn

 

Fazit

Die EZB schmeißt die Druckerpresse an und Trump fordert von der Fed ein ebenbürtiges geldpolitisches Spielfeld – die Geldschleusen dürften damit so weit offen sein wie schon lange nicht mehr.

Christoph Karl, Ralph Malisch

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