Liquiditätsjunkies

Titelbild: © zephyr_p – stock.adobe.com

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Bricht die „Lieferkette“ bei der Geldversorgung?

Der Ton macht die Musik

Nirgendwo gilt es wohl mehr als in zwischenmenschlichen Beziehungen und bei den Verlautbarungen von Notenbanken: Der Ton macht die Musik. Entsprechend genau wird hingehört, wenn die Notenbanken nach Ihren Sitzungen die Ergebnisse kommunizieren. Nicht nur was gesagt wird, sondern auch wie es gesagt wird, was man zwischen den Zeilen zu entdecken glaubt und vor allem, was nirgendwo zu finden ist, spielt eine Rolle. Den Anfang machte letzten Mittwoch die Fed, die sich derzeit ungewöhnlich „hawkish“ gibt. Es war die Ankündigung von drei Zinsschritten – nach oben versteht sich – für das kommende Jahr und das beschleunigte Herunterfahren des Anleihekaufprogramms, das die Märkte zum Wochenausklang verunsicherte, vielleicht sogar verunsichern sollte. Die bange Frage lautet, was wird aus all den Liquiditätsjunkies, wenn die Notenbanken die Lieferkette bei der Geldversorgung tatsächlich unterbrechen sollten? Die wichtigere Frage aber dürfte sein, wie ernst es die Notenbanker um Jerome Powell mit solchen Ankündigungen wirklich meinen. Wer etwas tun will und tun kann, der tut es – ohne im Vorfeld lange darüber zu lamentieren. Und da niemand so genau wissen kann, was das Jahr 2022 bringen wird, dürfte es jederzeit glaubhafte Erklärungen (s.u.) geben, um die groß angekündigten Maßnahmen auf dem kleinen Dienstweg wieder zu kassieren.

Veränderte Rhetorik

Völlig anders ist die Inflationsrhetorik der EZB. Hier zeigte sich Christine Lagarde in der letzten Woche noch besorgt, dass das Inflationsziel (!) von zwei Prozent nicht erreicht werden könne, weshalb eine weitere „geldpolitische Unterstützung“ notwendig sein würde. Klartext: Die Geldpolitik wird locker bleiben. Lagardes Kunstgriff bestand darin, die aktuell hohen Inflationsraten zu Gunsten der Inflationsprognose des eigenen Hauses mehr oder weniger zu ignorieren. Und diese Inflationsprognose liegt mit Stand Q4/2021 für das nächste Kalenderjahr bei +1,9%, also noch immer hauchdünn unter der magischen Marke von +2%. Allerdings scheinen die Modelle zur Inflationsschätzung bei der EZB nicht sonderlich zuverlässig zu sein. Denn für das laufende Kalenderjahr wird dort immer noch eine Rate von +2,3% angegeben, obwohl der relevante, von EuroStat ermittelte Harmonisierte Verbraucherpreisindex HICP im Oktober schon bei 4,05% lag. Entsprechend der üblichen Salamitaktik solcher Institutionen gab EZB-Vize Luis de Guindos nur wenige Tage später bekannt, dass die Teuerung wohl doch hartnäckiger sei als man bei der EZB erwartet hatte. Nun wird von +3,2% im kommenden Jahr gesprochen, nicht allerdings ohne den Hinweis, dass die Rate im Jahr darauf wieder unter +2% fallen werde. Die Einschätzung für das Jahr 2023 erfüllt in etwa die Funktion, die eine Karotte hat, die man dem Esel vor die Nase hält.

Weiche Zahlen, weiches Wording

Denn nicht nur ist erstaunlich, wie mechanisch die EZB ihre Inflationsprojektionen berechnet und verkündet, noch erstaunlicher ist, dass sich Marktteilnehmer noch immer an solchen Zahlen und insbesondere an dem umhüllenden Wording orientieren. Natürlich sollte eine Institution wie eine Notenbank mit ruhiger Hand durch die allfälligen Stürme gelenkt werden. Natürlich müssen die Vertreter einer solchen Situation ihre Worte mit Bedacht wählen und alles vermeiden, was die Märkte unnötig in Panik versetzt. Aber in einer Zeit, in der die Wirtschaft praktisch im Wochenrhythmus vor immer neue Fakten gestellt wird, also bestenfalls auf Sicht fährt und immer weniger über Kalkulationsgrundlagen verfügt, die nicht schon morgen wieder Makulatur sein können, in einer solchen Zeit beginnt man auch den Unterschied zwischen einer ruhigen Hand und einer zunehmenden Entrücktheit wahrzunehmen.

Panik als Geschäftsgrundlage?

Derweil spitzt sich die Situation in Deutschland weiter zu. Vor allem Politik und Medien erzeugten im Vorfeld der gestrigen sogenannten Bund/Länder-Runde ein bisher nicht gekanntes Ausmaß an Panik. Wann eigentlich war Panik je eine Grundlage für gute Entscheidungen? Das Robert-Koch-Institut preschte sogar – und offenbar unabgestimmt – mit weitreichenden Forderungen vor, was dann sogar dem frisch gebackenen Bundesgesundheitsminister Lauterbach zu viel war. Dennoch wurden mit Verweis auf die Omikron-Variante weitreichende Beschlüsse gefasst, die allerdings erst kurz nach Weihnachten in Kraft treten werden. Die Zahlen geben so viel Aufregung im Moment jedenfalls nicht her, denn sowohl die 7-Tage-Inzidenz als auch die Hospitalisierungsinzidenz sinken seit rund zwei Wochen praktisch durchgängig. Dass der sogenannte Corona-Expertenrat, der die entscheidenden Daten für die Runde lieferte, eben diese Daten vor der Öffentlichkeit verbirgt, ist auch nicht gerade eine vertrauensbildende Maßnahme.

Kur schlimmer als die Krankheit?

Für viele Klein- und Mittelbetriebe, besonders jene des stationären Handels und der Gastronomie könnte die neuerliche Verschärfung jene Kur werden, die schlimmer als die Krankheit ist, wie es so schön heißt. Viele dieser Betriebe sind noch aus dem ersten Lockdown geschwächt und manche haben auch die Lektion gelernt, wie lange sich so ein kurzer „Wellenbrecher-Lockdown“ hinziehen kann. Gut möglich, dass hier einige die Segel endgültig streichen. Obwohl solche Unternehmen in aller Regel nicht börsennotiert sind, kann das Schleifen des Mittelstands niemanden kaltlassen. Hier knickt gerade eine wesentliche Säule für Stabilität und Prosperität im Lande ein.

Rote Linien, na und?

Zudem hat nach Bundeskanzler Scholz nun auch Bundesgesundheitsminister Lauterbach erklärt, dass es „keine roten Linien“ im Kampf gegen Corona geben werde, was in einem Rechtsstaat nicht nur höchst bedenklich klingt, sondern der Willkür Tür und Tor öffnet. Vernünftiges Planen und Wirtschaften wird so weiter erschwert. Dazu häufen sich in den Medien besorgte Gedankenspiele über einen Ausfall von kritischer Infrastruktur und von Versorgungsengpässen bei Lebensmitteln. NRW-Innenminister Reul legte den Menschen diese Woche nahe, Notvorräte für den Katastrophenfall anzulegen. Einer der Urheber solcher Horrormeldungen ist wiederum der frisch gegründete „Expertenrat“, der die Lebensmittel-, Strom- und Wasserversorgung durch die drohende Omikron-Welle gefährdet sieht. Dass die Stromversorgung im Lande jeden Winter etwas mehr gefährdet ist und wir schon mehrmals haarscharf an einem Blackout vorbeigeschrammt sind, hat allerdings weniger mit Omikron als mit dem deutschen Sonderweg einer völlig verkorksten Energiewende zu tun. Dankenswerter Weise werden die Menschen mit Spielserien wie „Blackout“ schon jetzt auf das zunehmend wahrscheinlichere Risiko „spielerisch“ vorbereitet. Dazu kommen die aktuellen Spannungen mit Russland, die auch die Erdgasversorgung betreffen. Zu allem Überfluss trifft dieses Bündel an Herausforderungen nun auf eine frisch gewählte Regierung, in der lange nicht jedes Regierungsmitglied über eine solide Ausbildung bzw. Erfahrung im Amt verfügt. Dieser Winter könnte sich also in vielerlei Hinsicht als eine echte Belastungsprobe erweisen, manche sprechen gar von einem regelrechten Katastrophenwinter, der uns da ins Haus steht.

Klarer Blick im Januar

Für die Börsen werden wohl insbesondere die ersten Handelstage des neuen Jahres richtungsweisend sein. Denn während im, unter normalen Umständen glühweingeschwängerten Dezember noch Jahresendrally und Window-Dressing das Geschehen bestimmen, werden in der klaren Luft des Januars die Bücher wieder frisch geöffnet. Läuft die Rally dann als Januar-Phänomen weiter, oder findet sie ihr Ende? Für Letzteres würde sprechen, dass die Rally schon in den vergangenen Wochen ins Stottern geraten ist, obwohl es saisonal eigentlich Rückenwind für Aktienanlagen geben sollte. Das könnte auch mit dem schleppenden Weihnachtsgeschäft zu tun haben. Eine echte Weihnachtsstimmung will zurzeit ebenso wenig aufkommen wie der traditionelle Konsumrausch im Advent. Insofern würde es uns also nicht überraschen, wenn die Märkte im Januar weiter unter Druck kommen würden, da es insbesondere für die Fed problematisch ein wird, vom gerade erst mühsam kommunizierten restriktiven Kurs unmittelbar wieder umzuschwenken.

Vor einem schwierigem Jahr

Was wir für das komplette Börsenjahr erwarten, das können Sie übrigens im großen Kapitalmarktausblick 2022 im neuen Smart Investor 1/2022 lesen. Eine entscheidende Rolle werden einmal mehr die Notenbanken spielen (s.o.) und in den richtigen Assets sollte sich sogar ein bisschen Gegenwind gut aushalten lassen. Allerdings gibt es auch etliche Anlageklassen, von denen aufgrund der aktuell erreichten Bewertungen und der verhaltenen Perspektiven im neuen Jahr Abstand genommen werden sollte und zwar ganz unabhängig davon, ob die Notenbanken die Liquiditätsspritzen noch einmal aufziehen werden.

Zu den Märkten

Wie die Märkte den Fortgang der Pandemie einschätzen, kann man unter anderem an den Aktienkursen der Lieferdienste und Impfstoffhersteller ablesen, bei denen nun auch Valneva und Novavax verstärkt in den Fokus der Anleger rücken. Bei den Corona-Impfstoffen beider Anbieter, die oft als „Totimpfstoff“ bezeichnet werden, obwohl auch sie keine Totimpfstoffe im klassischen Sinne sind, hat derzeit Novavax die Nase vorn. Die europäische Arzneimittelbehörde EMA hat nun die Zulassung empfohlen und nach einer Entscheidung der EU-Kommission könnte es losgehen. Aufhorchen ließ dagegen die Einschätzung von Valneva-Chef, Thomas Lingelbach, der niemandem raten wollte, auf den Impfstoff seines Unternehmens zu warten. Ein solches Verhalten bezeichnete er sogar als „ethisch inakzeptabel“. Nun gut. Das ist zumindest eine ungewöhnliche Aussage für einen Unternehmenschef, wenn es um das eigene Produkt geht. Interessanter Weise zeigte sich die Börse davon aber nicht wirklich verunsichert, denn die Aktie – eine der stärksten des ganzen Kurszettels – strebte zum Reaktionsschluss dieser Ausgabe um weitere 6,7% nach oben (vgl. Abb., schwarze Linie). Dagegen ist Novavax (rote Linie), das bereits weiter im Zulassungsverfahren ist, im Jahr 2021 der schwächere Performer. Das allerdings liegt auch daran, dass die Aktie des Unternehmens bereits im Vorjahr reichlich Vorschusslorbeeren eingeheimst hatte.

Errata – In eigener Sache

Leider wurden im Satz der aktuellen Ausgabe Smart Investor 1/2022 auf Seite 27 drei Worte im Gastbeitrag von Herrn Prof. Dr. Max Otte verschluckt. Korrekt lautet die Passage:

Die Welt befindet sich nicht nur in der Corona-Pandemie, wir sind auch mitten in einer globalen Schuldenkrise. Schon letztes Jahr haben die Staaten, unterstützt von ihren jeweiligen Zentralbanken, massiv Schulden aufgenommen. Und es ist kein Ende in Sicht. Wie kriegen wir den Geist wieder in die Flasche? Die Wahrheit: Auf normalem Wege ist dies nicht möglich. Laut US-Milliardär und Hedgefonds-Manager Ray Dalio lassen sich Schuldenkrisen nur auf vier Weisen oder mittels einer Kombination davon „wegzaubern“:

1.            Sparen und damit einhergehende Insolvenzen
2.            Schuldenrestrukturierungen, -streichungen und Währungsreform
3.            Gelddrucken und Inflation
4.            Transfers von denen, die etwas haben, zu denen, die wenig oder nichts haben (z. B. bedingungsloses Grundeinkommen)

Option 1 ist mittlerweile ausgeschlossen. Option 3 scheint mittlerweile ihre Grenzen erreicht zu haben. Bleiben also nur noch die zweite und vierte Option. Wenn die Notenbanken eigene Kryptowährungen ausgeben, wäre zum Beispiel „Geld mit Verfallsdatum“ denkbar. Negativzinsen sind im Grunde nichts anderes. Wir werden gezwungen, zu investieren oder zu konsumieren und können immer weniger „auf der hohen Kante“ behalten.

Wir bitten den Fehler zu entschuldigen. Den vollständigen Beitrag finden Sie hier als PDF.

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über die Entwicklung in unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

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Fazit

Nach einem turbulenten Jahr verabschieden wir uns hiermit in die Weihnachtsruhe. Wir bedanken uns für Ihre Treue, Ihre Neugier und auch für Ihre Geduld, sich bei uns Einschätzungen abseits des medialen Einheitsbreis zuzumuten. Wir wünschen Ihnen besinnliche Festtage, einen guten Rutsch in das neue Jahr und hoffen Sie auf der anderen Seite gesund und voller Tatendrang wieder zu treffen. Wir werden da sein, am 12. Januar 2022.

Ralf Flierl, Ralph Malisch

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